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« zurück zur Übersicht erschienen am 20. Februar 2002 in der Zürichsee-Zeitung

Zeit ist immer auch Empfindung

Herrliberg: Das neue Projekt "Im Namen der Zeit" des Dorfarchivs läuft an

Durch Gespräche mit älteren Dorfbewohnern sollen Veränderungen über einen längeren Zeitabschnitt innerhalb der Gemeinde Herrliberg aufgezeigt und für die Nachwelt festgehalten werden. Dabei tauchen immer wieder Begriffe auf wie "damals, vor langer Zeit" oder "im Laufe der Zeit", die Anlass sind, über das Phänomen der Zeit zu reflektieren.

Antonia Baumann*

"Man verliert die meiste Zeit damit, dass man Zeit gewinnen will", charakterisierte der amerikanische Schriftsteller John Steinbeck die Zeit. Das Dorfarchiv fühlt sich hier jedoch nicht angesprochen. Neben dem Archivieren steht eine neue Vitrinen-Ausstellung an sowie eine von der Gemeinde Herrliberg unterstützte Befragung von älteren Dorfbewohnern, welche im direkten Gespräch Aufschluss über das tägliche Leben von damals und die Veränderungen im Laufe des vergangenen Jahrhunderts geben sollen.

Zeit ist Erlebnisinhalt

Eine erste Gemeinsamkeit dieser Gespräche zeigt auf, dass die Zeit und ihr Erlebnisinhalt dabei eine zentrale Rolle spielen. Der Stoff, aus dem die Zeit ist, besteht aus einem komplexen Empfindungs- und Denkgefüge. Alle Bewegungen und Abläufe der Erlebnis- und Gedankenwelt verlaufen gleichzeitig in Raum und Zeit. Wie der Raum ist auch die Zeit eine Erlebnisform; sie ist die Dimension des Werdens und beinhaltet die Option von Veränderungen. Gleichzeitig ist sie Mass für Veränderungen im unmittelbaren Erleben (Jahres- oder Tageszeit) und wird kalendarisch und chronometrisch fixiert. Die Zeit, die sich ins Unendliche erstreckt, wird als Ewigkeit bezeichnet.
Eine Annäherung an das Phänomen Zeit kann durch viele Betrachtungsweisen erfolgen. Die gängige Auffassung von Zeit hat etwas mit "Entwicklung zu etwas hin" zu tun: Die Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen, die geistige Entwicklung, die Produkteentwicklung von der Idee zum Endprodukt etc. Es ist eine Zeit-Art, welche aus einer Abfolge unwiederholbarer Ereignisse besteht und die Vergangenheit von der Zukunft unterscheidet. Da sie nur in eine Richtung geht, wird sie auch Zeitpfeil genannt. Heute ist die Gedankenwelt, die sich hinter dem Zeitpfeil versteckt, weltweit verbreitet und quantitativ am "erfolgreichsten".
Ein weiterer Aspekt der Zeit zeigt sich in der "Wiederholung von Bestehendem": Der Tageszyklus und die Jahreszeiten kehren immer wieder, Teile des Geschichts-Verlaufs wiederholen sich etc. Diese Zeit-Art schreitet zwar fort, widerspiegelt jedoch gleichzeitig diejenigen Abläufe, die entweder stabil sind oder in einfacher, sich wiederholender Weise kreisen. Im Gegensatz zum geraden Zeitpfeil verläuft sie spiralförmig und wird Zeitzyklus oder Zeitkreis genannt.

Lackschicht

Für eine bestimmte Zeitspanne in die Zukunft oder Vergangenheit funktioniert das Zeitempfinden recht gut. Was aber ist mit der Zeit, die notwendig war, unseren Planeten zu erschaffen und Lebewesen darauf entstehen zu lassen? Diese unermessliche Zeit, die Tiefenzeit, die sich im kosmischen und evolutionären Bereich abspielt, ist für das menschliche Fassungsvermögen nicht nachvollziehbar und kann höchstens mit Metaphern dem Bewusstsein nahegebracht werden. Mark Twain veranschaulicht dies so: "Wenn die Höhe des Eiffelturmes dem Alter der Erde entspräche, dann entspräche dem Alter des Menschen die dünne Lackschicht auf der obersten Turmspitze."

Ein lebendiges Symbol für die Präsenz der Vergangenheit: Anlässlich der 600-Jahr Feier im Jahre 1891 wurde die
Ein lebendiges Symbol für die Präsenz der Vergangenheit: Anlässlich der 600-Jahr Feier im Jahre 1891 wurde die "Bundeslinde" als Erinnerungsbaum an die Gründung der Eidgenossenschaft auf einer leichten Anhöhe zwischen Tambel und Kirche Wetzwil gepflanzt. Sie fiel 1972 einem Sturm zum Opfer. An gleicher Stelle setzte der VVH Mitte der 1980er Jahre eine junge Linde ein. - Arnold Lutz

Individuelle Zeit

Der Versuch, das Wesen der Zeit zu ergründen, hat zu manchen umwälzenden Denkanstössen geführt. Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass dabei oft nur einzelne Aspekte der Frage "Was ist Zeit?" beleuchtet werden. Für Albert Einstein sind letztendlich "Raum und Zeit Denkweisen, die wir benutzen. Raum und Zeit sind nicht Zustände, unter denen wir leben". Und Stephen Hawkings führt den Begriff der "imaginären Zeit" ein, den er als Arbeitshypothese benutzt, um die Unbegrenztheit von Raum und Zeit zu postulieren. Gerade das eingehende Gespräch mit Dorfbewohnern, die auf ein langes Leben zurückblicken, fördert eine Vielfalt von Erlebnissen und Lebensinhalten zutage. Dabei läuft, ungeachtet biographischer und sozialer Unterschiede, eine spezifische Konstante durch alle Gespräche hindurch, wie ein roter Faden: das individuelle Wahrnehmen der Zeit. Ereignisse und Lebensabschnitte werden rückblickend als linear oder repetitiv erlebt, andere haben eine ungebrochene, intensive Präsenz oder werden ganz ausgeblendet. Die Zeit, die bei jedem Einzelnen eine subjektive Wirkung ausübt, hinterlässt individuelle Spuren, ohne selber ihr Geheimnis preiszugeben.

Literatur:
Stephen J. Gould: Die Entdeckung der Tiefenzeit,
Carl Hanser Verlag, 1990.
Stephen W. Hawking: Eine kurze Geschichte der Zeit,
Rowohlt, 1988.

* Antonia Baumann ist Vorstandsmitglied im Verkehrs- und Verschönerungsverein Herrliberg (VVH), zuständig für die Gruppe "Archiv".