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« zurück zur Übersicht erschienen am 30. Mai 2001 in der Zürichsee-Zeitung

Vom Symbol zum Zeichen

Herrliberg: Die Gemeinde hat ein Logo neben dem Wappen eingeführt - eine ortshistorische Betrachtung

Neben dem Gemeindewappen wird in Herrliberg seit einem Monat auch, dem allgemeinen Trend folgend, ein Logo verwendet (die "ZSZ" berichtete darüber). Wie verhält es sich dabei mit der Symbolik?

Antonia Baumann*

Seit Urzeiten verwenden Menschen einfache oder komplizierte Zeichen zur Erkennung gewisser Eigenschaften von Orten und Personen, zur Mitteilung von Gedanken und zur Aufbewahrung von Dingen verschiedenster Art. Diese Zeichen können z.B. Tätowierungen, Felsmalereien oder auf besondere Weise geknüpfte Schnüre sein, aber auch die Schrift "als Zeichen für etwas" ist als "message" zu verstehen. Ein Zeichen hat eigentlich nur Mittlerfunktion, es steht für etwas Anderes und dient deshalb primär zur Kommunikation.

Das Symbol, ein Sinnbild

Anders verhält es sich mit dem Symbol. Das griechische Verb "symballein" bedeutet "zusammenwerfen", "vergleichen", "interpretieren". So wurde z.B. ein Ring in zwei Teile getrennt, und die Besitzer je eines Teils konnten beim Wiedervereinen der Bruchstücke deren Einheit und damit deren Echtheit überprüfen. Wir erinnern uns an Märchen, die sich solcher Symbole bedienen.
Das Symbol bezeichnet also die Vereinigung zweier ursprünglich zusammengehörender Teile. Ein Symbol ist nicht etwas Willkürliches, sondern etwas ursprünglich Zusammengehörendes, etwas natürlich Entstandenes, ein Sinnbild.

Jedes Zeichen ein Symbol?

Alle Symbole werden durch ein Zeichen abstrakter oder gegenständlicher Natur dargestellt, aber nicht jedes Zeichen hat Symbolgehalt. So könnte beispielsweise das Minuszeichen in der Mathematik durch einen Kreis ersetzt werden und dieser dann als Subtraktionszeichen verstanden werden. Die Wahl des Zeichens ist also eine Frage der Definition.
Ein Zeichen ohne Symbolgehalt hat deshalb einen rationalen Charakter. Hingegen nimmt das Symbol, dargestellt durch ein Zeichen, teil an der Wirklichkeit, für das es stellvertretend steht. Rot steht für Blut, und dieses steht für Leben etc. Das Symbol mit dem Zeichen "rot" kann deshalb nicht z.B. durch "grün" ersetzt werden.
Symbole wurzeln also im Irrationalen. Ein Zeichen ohne Symbolgehalt spricht den Intellekt an, hingegen verkörpert das symbolbefrachtete Zeichen das emotionale Sein gemeinhin.

Das Herrliberger Gemeindewappen

Das Wappen mit den drei Doppeljochen im gelben Schild findet sich erstmals im Wappenbuch des Gerold Edlibach (um 1490). Der Verfasser bezieht das Wappen auf das Geschlecht "de Herdiberg" (die mittelalterliche Grundform "Hardiberg" bedeutet "erhöht gelegenes Gebiet mit grösserem, als Weide nutzbarem Wald"). Das Herrliberger Gemeindewappen ist ursprünglich also ein Familienwappen. Es weist mit seinen drei Doppeljochen auf den Gebrauch von Ochsengespannen hin und damit auf das Bauerntum (Ackerbau) und nicht etwa auf eine Unterjochung der Bevölkerung (mehr über die Arbeit in Landwirtschaft, Rebbau und Holz u.a. in der "Geschichte der Gemeinde Herrliberg", 1980, S. 199).
Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts unterlag das Herrliberger Wappen jedoch verschiedensten Veränderungen. "Dies rührte vielleicht von ihrer Seltenheit, ja Einmaligkeit im engeren regionalen Raume her, so dass nicht nur eine optische, sondern auch eine begriffliche Unklarheit entstand", schreibt der Historiker und Heraldiker Hans Kläui auf S. 138 der besagten Geschichte. So wurde Mitte des 19. Jahrhunderts das Wappen mit den zu drei Schleifen oder Schlingen umgewandelten Doppeljochen kurzerhand durch ein Schild mit einer Traube ersetzt. Als die Wappenkommission der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich das Herrliberger Gemeindewappen auf die alten schwarzen Doppeljoche im gelben Schild zurückführte, genehmigte der Gemeinderat von Herrliberg dieses durch Beschluss vom 28. Oktober 1934.

2001: Zum Zeichen

Das neue Logo "Herrli(ch)berg" führt die Farben des Gemeindewappens weiter. Auf gelbem Grund erscheint das "Herrliberg" in schwarz, das "ch" ist jedoch in rot gehalten: "ch" für herrliches Herrliberg oder für Schweiz, wie man es auch interpretieren mag.

Das neu eingeführte gelb-schwarz-rote Logo der Gemeinde Herrliberg vor dem Gemeindehaus; über dem Eingang prangt aber nach wie vor das Wappen von Herrliberg mit den drei schwarzen Doppeljochen. Christian Dietz-Saluz
Das neu eingeführte gelb-schwarz-rote Logo der Gemeinde Herrliberg vor dem Gemeindehaus; über dem Eingang prangt aber nach wie vor das Wappen von Herrliberg mit den drei schwarzen Doppeljochen. - Christian Dietz-Saluz

Das Logo ist ein Zeichen, das direkt durch seine Mittlerfunktion zur Kommunikation führt. Eben: es sei herrlich in Herrliberg. Diese "message" verleitet jedoch leicht zur falschen, volksetymologischen Deutung des Ortsnamens Herrliberg, sodass dessen ursprüngliche Herkunft noch ganz vergessen gehen könnte (siehe S. 40 der erwähnten Geschichte).

Wo ist das Symbol geblieben?

Ein Logo einzuführen und dabei das Gemeindewappen "peu à peu" in den Hintergrund zu schieben, wäre deshalb ein Handeln gegen die Geschichte und die Tradition. Das Wappen darf optisch keinesfalls aus dem Blickfeld der Einwohner Herrlibergs verloren gehen. "Aus den Augen, aus dem Sinn" könnte es dann bald einmal heissen, und damit wäre das Wappen samt seiner Bedeutung innert Kürze aus dem Wahrnehmungskreis der Herrliberger verschwunden.
Das Gemeindewappen bleibt nämlich ein Symbol für die Einwohner der Gemeinde Herrliberg. Diese bilden dabei gewissermassen den einen Teil, welcher mit dem anderen Teil, dem Grund und Boden der Gemeinde mit seiner ganzen Geschichte und seinen Traditionen, eine Einheit bildet, eben ein Sinnbild, ein Symbol.

Erlaubt ist, was gefällt

Heute zum Werbeslogan "avanciert", wird diese Aussage schon in Goethes "Tasso" ausführlich diskutiert. Der aktuelle Trend geht in Richtung Zeichen, echte Symbole werden immer weniger verstanden. Symbole vermitteln eben keinen intellektuellen Inhalt, sondern schliessen etwas Unaussprechliches ein, etwas, das sich nur im persönlichen Erfahren erfassen lässt. Es ist nicht nur einfach herrlich, in Herrliberg zu wohnen (das ist es auch in anderen Gemeinden, wir wollen da nicht überheblich sein), sondern der Einwohner identifiziert sich mit seiner Gemeinde, weil der geschichtliche und traditionelle Hintergrund ihm einen symbolischen Gehalt verleiht und er dies am eigenen Leibe erfahren kann, wenn er dafür offen ist und sich eine diesbezügliche Sensibilität bewahrt. Denn mit dem Erfassen eines Symbols findet der Mensch zurück zur Einheit.

Wappen auf Schriftstück erhalten

Der Gemeinde Herrliberg und ihren Einwohnern sei deshalb gewünscht, dass das Gemeindewappen nicht aus ihrem täglichen Gesichtskreis entschwindet. Das Logo kann ein Zusatz sein, es darf das Wappen jedoch nicht ersetzen. Dieses muss weiterhin seinen festen Platz beibehalten (etwa auf Schriftstücken der Gemeinde Herrliberg wie Couverts, Abstimmungswahlzettel etc.) und zwar nicht nur in winziger Form, so "en passant". Ein solches miniaturisiertes Wappen weist gegenwärtig neben einem manchmal fehlenden Rahmen (es handelt sich ja um ein Wappen, nicht um ein Logo) ein allzu grosses Mittelstück auf, die Jochbogen sind entsprechend zu klein geraten und die Kettenhaken fehlen, sodass die Assoziation zu einem Doppeljoch schwer fällt. Warum sollen wir uns nicht mehr an unsere Vorfahren mit ihrer bäuerlichen Kultur erinnern dürfen?
Auf die Verwendung des Wappens darf nicht verzichtet werden. Sonst wird spätestens dann, wenn die Sensibilität der Menschen zum Erfassen des Unterschieds zwischen Symbol und Zeichen nicht mehr vorhanden ist, das Symbol endgültig verloren gegangen sein. Dann gilt nur noch: "Erlaubt ist, was gefällt." Lassen wir es nicht so weit kommen, wir schulden dies unseren Nachkommen.