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« zurück zur Übersicht erschienen am 25. April 2007 in der Zürichsee-Zeitung

Uralte Wurzeln heutiger Namen

Herrliberg: Zwischen Arbach und Steinrad - wie Flur und Strassen zu ihren Namen kamen

Ruedi Schwarzenbach, emeritierter Professor für deutsche Sprachwissenschaft, enthüllte auf spannende Weise Hintergründe und Bedeutung von Herrliberger Flur- und Strassennamen.

Antonia Baumann*

Der Vortrag von Ruedi Schwarzenbach setzt der diesjährigen Generalversammlung des Verkehrs- und Verschönerungsvereins Herrliberg (VVH) die Krone auf. Am Anfang jeder Suche nach der Bedeutung von Flur- oder Strassennamen steht die Befragung der Menschen, welche an Ort und Stelle wohnen. Für sie hat der Name eine unmittelbare Bedeutung, mindestens als Adresse, auch wenn der ursprüngliche Sinn vielleicht vergessen oder verändert ist. Die anschliessenden Recherchen in Archiven, auf alten Landkarten, im Literaturvergleich und anhand von Sprachentwicklungen sind recht aufwendig und führen nicht immer zum Ziel.
Haben Alteingesessene in der Gemeinde einen Bezug zu Flurnamen, bedeuten diese den meisten Neuzuzügern jedoch recht wenig. So dienen heute hauptsächlich Strassennamen als Orientierung, und die Jahrhunderte alte Flurnamen treten leider eher in den Hintergrund. Jedoch fusst das moderne Strassenverzeichnis oft auf alten Flurnamen, wie Ruedi Schwarzenbach in seinem Vortrag "Zwischen Arbach und Steinrad" erläuterte.

Alemannische Siedlungen

Dass Herrliberg als Streusiedlung ein Zusammenschluss von vielen Weilern ist, zeigt sich auch im Namenbestand: man wohnt etwa "im Schlatt", "im Rain", "im Grüt" oder "im Biswind".
Keltische Flurnamen sind keine nachweisbar. Die Alemannen besiedeln im 6. Jahrhundert n. Chr. auf unkriegerische Weise einzelne Gebiete des rechten Zürichsee-Ufers. Im 8. Jahrhundert ist der Raum Herrliberg zum grossen Teil noch unbewohnt. Zu den ersten Weilern gehören jene mit der Endung "-wil": Wetzwil und Tächliswil (Ober- und Unterdorf). Später entstehen Breitwil (Kittenmühle) und Intwil (Hof).

Alte Flurnamen

Als Basis für das Eruieren von Herrliberger Flur- und Strassennamen diente Ruedi Schwarzenbach die um 1850 entstandene Johannes Wild-Karte des Kantons Zürich. Er verglich deren Namenbestand mit der aktuellen 5000er-Karte des Amts für Raumplanung.
Die Herrliberger Flur- und Strassennamen können ihrem Inhalt entsprechend in verschiedene Namengruppen gegliedert werden. Der Flurname Rain beispielsweise verweist auf einen niedrigen Abhang im Gelände. Die Namengruppe umfasst in Herrliberg: Rain, Rainweg, Buchenrain, Chirchrain und Wiesenrain. Vorrain bedeutet Föhrenrain. In Kombination mit "wang", das ursprünglich Feld, Wiese, nur leicht geneigte freundliche Grasfläche bedeutete, ist die Bezeichnung Wängirain entstanden.
Zur Namengruppe "-acher" gehören Acker, Booacher (lehmiger, nasser Acker), Fännacher (zu mittelhochdeutsch "venne" = Sumpf), Freudacher, Langacker (lang Acher), Mülacher, Hasenacher und Schüracher. Der Fronacher war früher Teil eines geistlichen Besitztums.

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Ausschnitt aus der Johannes Wild-Karte des Kantons Zürich, um 1850. Mit ihrer aussergewöhnlichen Präzision bildet sie eine unerlässliche Basis für jede Ortsgeschichtsforschung. (Kartensammlung ETH)
Ausschnitt aus der Johannes Wild-Karte des Kantons Zürich, um 1850. Mit ihrer aussergewöhnlichen Präzision bildet sie eine unerlässliche Basis für jede Ortsgeschichtsforschung. (Kartensammlung ETH)

Abhänge und Bewirtschaftung

Die Flurnamen Böl (Büel, Büchel), Habüel (höch Büel), Hofertobel, Hoger, Münzhalde, Seehalde und Rebhalde gehören zu einer Gruppe von Buckeln und Abhängen.
Das Gemeindegebiet von Herrliberg erstreckt sich über fünf Terrassen vom See zum Pfannenstiel hinauf. Ihnen lässt sich eine ganze Gruppe von Flurnamen zuordnen: Äbnet, Ebnet, Breiti, Holzboden, Langmatt, Oberfeld, Schöni. Die Hueb ist eine kleine, landwirtschaftliche Fläche auf Terrassenboden, und ein "Huber" besass und bebaute diese.
Manche Namen weisen auf eine spezifische Bewirtschaftung hin: Bergweid, Bannholz (geschützter Wald), Blüemlisalp, Bruppenägerten (geht auf die Dreifelderwirtschaft zurück), Grüt (gerodetes Gelände), Cholrüti, Geissbüel, Ifang (eingezäunte Wiese), Räbhalde, Rossweid, Sennhof (= Rütihof), Zääjuten (10 Jucharten). Widen (von "widum") heisst ein der Kirche geschenktes Grundstück, sodass ein "Widmer" jemand war, der solches Land bewirtschaftete.

Moderne Strassennamen

Im letzten Jahrhundert begannen Strassennamen Einzug zu halten, die nicht auf alte Flurnamen zurückgingen. So benannte man neue Strassen und Wege nach der Aussicht (Etzelweg, Glärnischstrasse, Rigiweg, Tödiweg, Aussichtsstrasse, Aussichtsweg) oder nach verschiedenen Gehölzen (Buchenrain, Erlenweg, Eschenweg, Haselweg, Heckenweg, Holunderweg), obwohl dort ursprünglich Obstbäume standen.

Verlorener Blätz

Flur- und Strassennamen, welche für sich selbst sprechen, sind: Im Biswind, Blüemlisalp, Findlingstrasse, Schmitteneich und Chüelenmorgen. Die Schützenmur wird bereits im 16. Jhd. erwähnt. Anstatt des alten Schützensports wird dort heute der Fussballsport ausgeübt.
Eine besondere Trouvaille unter den Herrliberger Flurnamen ist für Ruedi Schwarzenbach die Bezeichnung "Verlorener Blätz" für einen Waldzipfel, der an der Grenze zu Meilen und Egg liegt.
Die Suche nach der Bedeutung der Flurnamen Chergerten, Giger, Guugen, Humrigen, Paschi, Sellholz und Wartshalden (in Meilen mit "z") erweist sich als besonders schwierig. Die Bezeichnung Busenhard oder Busenharter ist gewissermassen eine Herrliberger Spezialität und bereits im 15. Jhd. nachgewiesen. Ein Hard ist eine Weide mit offenem Wald oder sandigem Boden.

Arbach und Schipf

Die Flurbezeichung Arbach auf der Höhe Wetzwil zur Grenze Meilen ist urkundlich zu den Namen "Arb Acher", Ard wijßenn" oder "im Arpach", alle aus dem 17. Jhd., zu stellen. "Arb" könnte eine Föhre (Arve) bezeichnen, doch kommt das Wort in dieser Bedeutung im Mittelland sonst nicht vor. Für eine Deutung als "(M)ar(ch)"-bach, wie im Falle von Arbach im Kanton Zug, fehlen historische Belege.
"Schipf" bezeichnete sowohl in Herrliberg wie in Zürich ursprünglich eine Uferverbauung. Wie genau sie aussah, ist umstritten, aber generell waren solche Einrichtungen auch geeignete Landungsstellen. "Da fuor er an daz lant bi der Schipff" heisst es in einem alten Text, woraus ersichtlich ist, dass zu einer Schipf auch eine Haab gehören kann, also eine geschützte Anlegestelle zum Ein- und Ausladen.

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Gesamtansicht der Schipf in Herrliberg, 1771 (Stich von J. Hofmann). Links die Haab mit Anlegestelle. Solche Anlegestellen entstanden oft zusammen mit Uferverbauungen.
Gesamtansicht der Schipf in Herrliberg, 1771 (Stich von J. Hofmann). Links die Haab mit Anlegestelle. Solche Anlegestellen entstanden oft zusammen mit Uferverbauungen. "Schipf" bezeichnet eine solche Verbauung. (zvg)

Steinrad

In Herrliberg gab es früher zwei Steinbrüche. 1555 nahm der Zürcher Rat am unteren Rossbachtobel einen Steinbruch in Betrieb. Im Zuge des Baus der Fortifikationen um die Stadt Zürich wurde 1644 ein weiterer Steinbruch geöffnet, angrenzend an das Schipfgut.
Der Flur- und Strassenname Steinrad erinnert heute noch daran, wie die schweren Quadersteine mit Hilfe eines Tretrades vom Festland auf die Ledischiffe verladen wurden. Das Tretrad wurde auch Steinrad oder Kranich genannt.
Der im Herrliberger Steinrad gebrochene Stein eignete sich gut zum Bau von feuerfestem Mauerwerk. Die Steinbruchmeister stammten vorwiegend aus den Herrliberger Geschlechtern der Sennhauser und Widmer.

Ein Verein für Geschichte und Gegenwart

Dieses Jahr besuchten über 40 Personen die GV vom 26. März 2007 mit anschliessendem Vortrag im Gartensaal der Vogtei.

Zuerst gedachte der VVH Norma Dreiding, die am 31. Januar 2007 verstorben war (siehe ZSZ vom 22. 3. 2007). Ihre aufgeschlossene und herzliche Art sowie ihre umfassenden und sachkundigen Kenntnisse machten sie zur idealen VVH-Präsidentin (1997-2005). Bis zu ihrem Tode blieb sie Vizepräsidentin.
Anschliessend berichteten die VVH-Gruppen über ihre verschiedenen Tätigkeiten des vergangenen Jahres und gaben einen Ausblick.

Dorf, Natur und Kontakte
Die Gruppe Dorfbild setzt sich ein für Sanierungen und Verbesserungen auf öffentlichem Grund. In Planung begriffen ist ein neues Set aktueller Postkarten der Gemeinde Herrliberg.
Anregungen, etwa zu Natur- und Wanderwegen, nimmt auch die Gruppe Natur entgegen, die zudem zweimal jährlich Tobelreinigungen durchführt. Die Gruppe Kontakte kümmert sich um die Organisation des 1. August und Tobel-Samichlaus sowie um die Vereinsanlässe. Sie vertritt den VVH beim Neuzuzügeranlass und organisiert zudem die Dezemberausstellung "Herrliberger Kunstwoche" in der Galerie Vogtei.

Schwerpunkt Ortgeschichte
Die Gruppe Archiv befasst sich weiterhin mit dem Registrieren von Dokumenten und Objekten aus dem Raum Herrliberg und hat unter dem Thema "oral history" Interviews mit über 30 HerrlibergerInnen durchgeführt. In diesem Zusammenhang ist auch ein Videofilm mit einer Life-Aufzeichnung entstanden. Die Archivgruppe zeichnet zudem seit 1998 für die Vitrinen-Ausstellungen in der Zehntenscheune der Vogtei.
Das Produkt der Gruppe Kalender ist der längst zum Sammelobjekt gewordene "Herrliberger Kalender", ein mit Unterstützung der Gemeinde in jeden Haushalt verteiltes Jahrheft mit liebevoll recherchierten Beiträgen zum Dorfgeschehen und zur Dorfgeschichte.

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*Antonia Baumann ist Präsidentin des Verkehrs- und Verschönerungsvereins Herrliberg (VVH).