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« zurück zur Übersicht erschienen am 22. April 2003 in der Zürichsee-Zeitung

Rebbau in den letzten 150 Jahren

Herrliberg: Der VVH lud anlässlich seiner GV zu einem Vortrag über den Weinbau am Zürichsee

Die Informationen von Hermann Schwarzenbach, Meilen, machten die diesjährige Generalversammlung des Verkehrs- und Verschönerungsvereins Herrliberg (VVH) erneut zum Erlebnis. Der VVH gedachte auch seines Vorstandsmitglieds Hans Rudolf Weinmann (siehe Kasten).

Antonia Baumann*

Bereits Hans Erhard Escher rühmt in seiner Beschreibung des Zürich Sees (1692), dass "das gantze Geländ um disen See herum vast überal mit Räbbergen besetzet ist". Die milde, terrassierte Lage der unteren Region von Herrliberg begünstigt auch in dieser Seegemeinde den Weinbau.
1886, auf dem Höhepunkt der Herrliberger Rebkonjunktur, gab es 174 Rebbesitzer, die 127 Hektaren Reben bewirtschaften, was einem Siebtel des gesamten Gemeindegebiets entspricht. Heute ist das Rebland aller 171 zürcherischer Gemeinden zusammen mit 632 Hektaren nur noch fünfmal so gross wie damals allein dasjenige von Herrliberg.

Enger Stickelbau

Trotz dezimiertem Rebland wird der Weinbau am Zürichsee immer noch liebevoll gepflegt. Hermann Schwarzenbach sen. aus Meilen, einer der innovativsten Weinbauern am Zürichsee, erzählte auf eindrückliche und engagierte Weise von seinem Métier. Neben den Südhängen und dem klimaausgleichenden See gehört auch der Molasseuntergrund, welcher Grundwasser aufsaugt und den Boden nie richtig austrocknen lässt, zu den idealen Voraussetzungen für den Weinbau.
Früher gab es nur Stickelreben, was ein genaues Werken auf engem Raum beinhaltete. Hermann Schwarzenbach lernte dieses als 17-Jähriger im elterlichen Betrieb auf damals 125 a Rebland. Für den Stickelbau mussten pro Jahr und Hektare rund 3000 Stunden aufgewendet werden.
Neben der anstrengenden Arbeit an den Rebstöcken musste der Boden von Gras, Unkraut und Laub gesäubert werden, denn damals wollte jeder Rebbauer den saubersten Boden vorweisen. Der spärliche Humus wurde oft weggeschwemmt und damit auch der Dünger.
Im Sommer durften die Knaben jeweils erst baden gehen, wenn sie mit der Haue bei zwei bis drei "Steg" (Boden zwischen den Rebstockreihen von unten an bergwärts) den "Wuescht" (Unkraut) entfernt hatten.

Schaub und Wipfel

Die Rebschosse wurden mit "Schaub" (Roggenstroh) angebunden. Da im alten Stickelbau die Reihen der Reben nur 85 cm auseinander standen, war präzises Arbeiten unumgänglich. Im ganzen Rebberg waren deshalb die "Wipfel" (das zusammengedrehte Ende der Strohhalme) jeweils auf der Abendseite und bergwärts ausgerichtet, und die Rebbogen standen alle auf der Morgenseite!
Früher kam das Roggenstroh aus Holland. Während des 2. Weltkrieges baute Hermann Schwarzenbach den Roggen selber an. "Als ich 20 Jahre alt war, habe ich ihn von Hand gesät und von Hand gemäht. Im Winter droschen wir die Ähren mit dem Dreschflegel" erinnert er sich. In der Küche wurde jeweils am Abend ein Taburettli umgekehrt auf den Küchentisch gestellt, und an den Beinen musste mit dem Schaub das Wipfeldrehen geübt werden. Nur wer versiert genug war, durfte am nächsten Tag in den Rebberg mitgehen.

Komfortable Drahtreben

1949 versuchte es Hermann Schwarzenbach mit einem neuartigen Rebbau. Dabei liegen die Reihen 3 m voneinander entfernt und die Reben werden an 2 m hohen Pfählen, die mit Drähten verbunden sind, angemacht. Er wandte eine auf das Zürichseeklima optimal abgestimmte Schnittart an: es werden zwei Schosse nach unten und einer hinaufgebunden. Dies ergibt einen guten Ertrag mit besten Trauben. Seit 1950 säte Hermann Schwarzenbach Gras zwischen den Reben. Vorerst musste er dem Boden noch etwas Stickstoff beigeben, damit die Reben genug Nährstoff erhielten. Nach drei Jahren musste keine Dünger mehr zugefügt werden, denn das gemähte Gras verrottete und bildete natürlichen Dünger.
Bereits 1956 mussten für das Bewerken von Drahtreben nur noch 800 Stunden pro Jahr und Hektare aufgewendet werden. Das war eine grosse Verbesserung, stiegen doch die Löhne in dieser Zeit massiv an.
Als um 1960 am Zürichsee über eine längere Zeit viele gelbe Reben anzutreffen waren, wurde eine Arbeitsgruppe zur Behebung der Ursache eingesetzt, zu der Hermann Schwarzenbach auch gehörte. Sie fand heraus, dass Reben, welche im Vorjahr zuviel trugen, an Eisenmangel litten, keine Reserven bilden konnten und deshalb im nächsten Jahr gelb wurden. So brach Hermann Schwarzenbach im Frühling die schwachen Schosse ab, riss im August die grünen Trauben heraus und schränkte damit den Ertrag ein. Dadurch erhielt er schöne Trauben und besseren Wein. Auch reiften alle Beeren gleichzeitig.

Weinlese um 1900 in Herrliberg an der ländlichen Seestrasse. Im Hintergrund das Haus 'Seerösli', schräg darüber das Haus zum untern Steinrad. Postkarten-Sammlung Vroni Wirz-Häberlin
Weinlese um 1900 in Herrliberg an der ländlichen Seestrasse. Im Hintergrund das Haus "Seerösli", schräg darüber das Haus zum untern Steinrad. Postkarten-Sammlung Vroni Wirz-Häberlin

Degustation

Die faszinierten Zuhörer des Vortrags erhielten aus dem Keller von Hermann Schwarzenbach fünf Weine zum Ausprobieren: Räuschling, Riesling-Silvaner, Freisamer, Sauvignon Blanc und Klevner. Zu jeder Sorte gab der stolze Weinbauer eine kurze Erläuterung.
Der Räuschling ist eine alte Sorte vom Zürichsee und hat in dieser Gegend am Besten überlebt. Mit 65 a Anbau war Hermann Schwarzenbach eine Zeit lang der grösste Räuschlingbauer der Welt. Heute ist der Räuschling zu einer Spezialität vom Zürichsee geworden.
Beim Weinverkauf handelt es sich vor allem um lokalen Absatz. 80% der Kunden holen den Wein im Keller von Hermann Schwarzenbach selber, denn sie wollen sich auch persönlich umschauen können.

Kontinuität

Herrliberg: Seit 1910 stellt sich der Verkehrs- und Verschönerungsverein (VVH) die Aufgabe, zur Wohn- und Lebensqualität in der Gemeinde Herrliberg beizutragen.
Die einzelnen Arbeitsgruppen berichteten an der Generalversammlung vom 10. April über ihre Tätigkeit vom vergangenen Jahr und gaben einen Ausblick auf die Zukunft. Dabei wurde auch auf die mit der Gemeinde Herrliberg vernetzten Webseite www.vvherrliberg.ch hingewiesen. Die Gruppe Natur nimmt u.a. Anregungen zu Natur- und Wanderwegen entgegen und führt Tobelreinigungen durch. Auch die Gruppe Dorfbild geht Vorschlägen im Zusammenhang von Sanierungen und Verbesserungen auf öffentlichem Grunde nach. Um den traditionellen Samichlaus-Anlass kümmert sich u.a. die Gruppe Kontakte. Die 1. August-Feier wird von der Präsidentin des VVH, Norma Dreiding, mitorganisiert.

Herrliberger Kalender, Dorfarchiv und Ausstellungen

Die Gruppe Kalender gab anfangs Jahr wiederum ein Heft heraus, welches in liebevoll recherchierten Beiträgen das Dorfgeschehen reflektiert.
Das Archiv befasst sich weiterhin mit dem Registrieren von Dokumenten und Objekten und zeichnet zudem für die Vitrinen-Ausstellung in der Zehntenscheune der Vogtei. Die gegenwärtige Ausstellung "Naturnetz Pfannenstiel" entstand unter wesentlicher Mitarbeit von Dr. Rudolf Koch vom Natur- und Vogelschutzverein Herrliberg/Erlenbach.
Wie jedes Jahr im Dezember fand die unter dem VVH-Patronat stehende Ausstellung "HerrlibergerInnen stellen aus" in der Galerie Vogtei statt.

Der VVH trauert um Hans Rudolf Weinmann

Die Generalversammlung gedachte des allzu früh verstorbenen Hans Rudolf Weinmann (ZSZ vom 3. April 2003), der seit 1996 Vorstandsmitglied war. Als Reporter und Redaktor (u.a. "Tages Anzeiger") war er auch jahrelang für die Gestaltung des "Herrliberger Kalenders" verantwortlich und verfasste dazu unzählige Beiträge. Sein fundiertes Wissen um die Geschichte der Gemeinde Herrliberg und sein persönliches Engagement garantierten einen unvoreingenommenen und professionellen Schreibstil, bereichert um sorgfältig recherchierte Details. Dabei liess er auch seine humorvolle und liebenswürdige Art einfliessen. Stets blieb er sich selbst treu: neugierig, geistreich, mit dem Blick für das Wesentliche und voller Ideen für originelle Projekte. Wir haben in Hans Rudolf Weinmann ein überaus kreatives Mitglied verloren, das den VVH nachhaltig geprägt hat, aber auch einen aufrichtigen, liebenswerten Freund und Kollegen.

* Antonia Baumann ist Vorstandsmitglied im Verkehrs- und Verschönerungsverein Herrliberg, zuständig für die Gruppe "Archiv".