Neugierig auf Herrliberg? Hafen Herrliberg Herrliberger Chilbi Panorama Reformierte Kirche Gemeindehaus alte Dorfstrasse / ref. Kirche

« zurück zur Übersicht erschienen am 03. Mai 2003 in der Zürichsee-Zeitung

Vom Sternenhimmel fasziniert

Herrliberg: Pierre Weber, der Macher des "Sternenhimmels", starb unerwartet am 10. April.

Marketingberater, Computerspezialist, Hobbyastronom, Gemeinderat - dies und mehr war Pierre Weber, dessen Kreativität und unermüdlicher Wissensdurst sein Leben bestimmte.

Antonia Baumann*

Pierre Weber
Pierre Weber. Archiv Rita Weber

Als sich Pierre Weber 1942 entschloss, seinem erlernten Beruf als Bankangestellter den Rücken zu kehren und sich in das damals neue Gebiet der Werbung zu stürzen, konnte er nicht ahnen, wie sich sein Leben verändern würde. Geboren war er am 12. Juli 1921 als Sohn des Kunstmalers Paul Weber und der Marie Weber-Burkhard, und in Richterswil verbrachte er zusammen mit seiner jüngeren Schwester Annette eine glückliche Kindheit.

Vom Werbeberater...

Das grafische Zeichnen und Gestalten hatte er gewissermassen im Blut - aber ohne Eigeninitiative, autodidaktisches Lernen und Besuch von unzähligen Kursen über Statistik und Werbung wäre der Wechsel zur Werbebranche kaum von Dauer gewesen.
Und erfolgreich war er: nachdem er u.a. bei Knorr als Werbeassistent tätig gewesen war, wurde er Werbechef der Kaffee HAG AG in Feldmeilen. 1949 heirateten Pierre Weber und Rita Kuhn, und kurze Zeit später übersiedelte das junge Paar nach Herrliberg (1952). Zwischen 1954-64 war Pierre Weber Werbeberater bei den Firmen Dr. Rudolf Farner und bei Adolf Wirz AG, beide in Zürich, wo er Grosskunden betreute. Er war u.a. der Erfinder des "FRISCO Zwerglis", dessen farbenfrohe Gestalt heute noch die Aufmerksamkeit der Kundschaft auf sich zieht. Wer erinnert sich nicht an den Slogan "gartenfrisch auf den Tisch!", mit dem Tiefkühlprodukte der Firma Frisco lange vermarket wurden.

...zu eigenen Firmen

Die Tätigkeit in der Werbebranche, kombiniert mit der intensiven Auseinandersetzung mit dem Computer seit seinen Anfängen, brachte Pierre Weber's Kreativität vollends zum Erblühen.
Mit 48 Jahren (1969) gründete er eine Firma für Marketing-Beratung und Marktforschung und 1976 die Optimedia AG für die Entwicklung ökonometrischer Marketing-Modelle. Die Firma, die auch Mathematiker beschäftigte, entwickelte Software für Marketing-Zwecke, wobei Prognosen für Umsätze, besonders der Pharma-Industrie, entwickelt wurden. Pierre Weber blieb bis 1996 Geschäftsführer - er war 75-jährig, als er sie verkaufte.
Der nahe Kontakt zu all diesen Tätigkeiten, die auch seinen Sohn Mike faszinierten, bewirkte, dass dieser ebenfalls Werbefachmann wurde.

Lehrtätigkeit, Fachartikel

1962 erschien Pierre Weber's erster Fachaufsatz "These-Antithese-Synthese" mit Vorschlägen zur Gründung eines Institutes für Werbe-Medienforschung zuhanden des Verbandes Schweizerischer Werbeagenturen. Zwischen 1970 und 1982 veröffentlichte er zahlreiche weitere Fachartikel zur Werbeforschung. Von 1963-89 gehörte Pierre Weber der AG für Werbemittelforschung (Wemf) als Mitglied im Fachausschuss und einige Jahre als dessen Präsident an.
In dieser Zeit gab er an der Handelshochschule St.Gallen (Prof. Heinz Weinhold-Stünzi) Einführungskurse über Marktforschung im Rahmen von Ausbildungsprogrammen für Werbeleiter. Gleichzeitig war er tätig als Fachdozent für Marktforschung und mathematische Statistik am SAWI (Schweizerisches Ausbildungszentrum für Werbung und Information) in Biel (1969-87).

Buch und Zeitschrift

1964 veröffentlichte Pierre Weber sein Lehrbuch "Elementare Statistik für Marktforscher" im Kriterion Verlag Zürich. Darin erläuterte er die Mathematik als Werkszeug der Marktforschung und vertiefte diese mit Übungen. Aus diesem Werk wurde ein Nomogramm zu einem eigentlichen Renner, das ohne Rechenarbeit das Bestimmen von Mustergrösse oder Fehlermarge anhand von definierten Parametern erlaubt. Das Buch füllte damals eine Marktlücke, da bis anhin nur englische Fachliteratur erhältlich war.

Mit 62 Jahren begann Pierre Weber eine Tätigkeit als Herausgeber der Zeitschrift "Epsilog", die von 1983-89 dauerte (dabei ging es natürlich um Epson-Computer!). Der "Computer information letter" beinhaltete selber entwickelte Programme auf der DOS-Ebene.
Natürlich bereicherte Pierre Weber diese Zeitschrift mit eigenen Fachaufsätzen, die auch von allgemeinem Interesse sein konnten (z.B. "Sonnenuntergang berechnen"), aber auch mit "Editorials" und Cartoons, denn die Freude am grafischen Zeichnen war ihm während all der Jahre geblieben.
Wie oft sassen er und die Mitautoren im Wohnzimmer der Familie Weber-Kuhn in Herrliberg, tief versunken im Labyrinth der Krypten der Maschinensprache und des Turbo Pascal, Zeit und Umgebung vergessend!

Engagiert in der Gemeinde

Aber auch politische und kulturelle Belange interessierten Pierre Weber ab seinem 45. Lebensjahr immer mehr. Er war Präsident des Gemeindevereins Herrliberg (1976-89), Mitglied der Elektrizitätskommission (1966-78) sowie Gemeinderat (1978-82, Liegenschaften und EW).
In dieser Funktion hatte er auch Einsitz in die Chronikkommission, welche der "Geschichte der Gemeinde Herrliberg" in zwei Bänden zum Leben verhalf (erhältlich in der Gemeinderatskanzlei). 1975 war er zudem Mitbegründer der Galerie Vogtei Herrliberg und blieb bis 1999 deren Vorstandsmitglied.

Astronom und Funker

Seit 1995 ist Pierre Weber durch seine monatlichen Sternkarten auch dem Leserkreis der "ZSZ" bekannt geworden. Diese Serie, wofür er eine eigene Software entwickelte, stiess weit über das Zürichseegebiet hinaus auf ein breites Echo. Sein letzter "Sternenhimmel" erschien am Tag seiner Beerdigung (22.4.2003).
Für die "Entwicklung einer vom Computer gezeichneten Sternkarte" wurde er mit der Anerkennungsurkunde der "Stiftung Kreatives Alter" ausgezeichnet (31.10.2000; die "ZSZ" berichtete darüber). Auch Vorträge über Astronomie waren Bestandteil von Pierre Weber's Alltag. So lieferte er eine plausible Erklärung für "Schalensteine" aus der Bronzezeit ("ZSZ" vom 4.4.2001).
Bereits 1960 hatte Pierre Weber die damals heiss begehrte phosphoreszierende JUWO-Sternkarte entwickelt sowie 1981 eine Serie in der Fachzeitschrift "ORION" über "Elementare Himmelsmechanik mit dem programmierbaren Taschenrechner TI-59" verfasst.
Neben den Arbeitsinstrumenten Computer, Sextant und Spiegelteleskop faszinierte Pierre Weber auch die Funktechnik. Seit seiner Jugendzeit befasste er sich mit Funken, wobei er zwischen 1950-70 auch Kurzwellen-Sendeanlagen selber baute (HB9KH).

Fit durch Hobbys

Pierre Weber betonte mehrmals: "Ich habe alle meine Berufe zu Hobbys gemacht". Diesen widmete er sich bis zum letzten Tag mit Hingabe und ungebremstem Elan. Gerne pflegte er auch die Freundschaften zu seinen ehemaligen Dienstkameraden.
Mit seiner Frau Rita genoss er zudem das Segeln auf dem Zürichsee. Für Hochseesegler hatte er längst ein Programm entwickelt, das mittels Taschenrechner eine Standortbestimmung ermöglicht.
Zur Entspannung freute er sich auf gemeinsame Wanderungen mit seiner Frau Rita, etwa auf dem Pfannenstiel, im Toggenburg oder Engadin.

Der VVH trauert um Pierre Weber

Der Verkehrs- und Verschönerungsverein Herrliberg verliert eine seiner langjährigen Stützen. Pierre Weber's fundiertes Wissen, sein unermüdliches Engagement und seine liebenswürdige Hilfsbereitschaft waren eine nie versiegende Quelle der Information und Inspiration. Seine Begeisterung für eine Sache liess oft einen Funken überspringen.
Neben seiner positiven Ausstrahlung und seiner Fähigkeit, komplizierte Sachverhalte prägnant erläutern zu können, bewunderten wir auch das breite Spektrum seiner Kenntnisse, seine Kreativität und seine uneingeschränkte Bereitschaft, Neues aufzunehmen und zu verinnerlichen. Dabei erhielt sich Pierre Weber zeitlebens ein ehrfürchtiges Staunen und strahlte gleichzeitig eine fast ansteckende Zufriedenheit aus.