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« zurück zur Übersicht erschienen am 04. September 2003 in der Zürichsee-Zeitung

Ortsgeschichte als Metapher

Herrliberg: Am Samstag, den 6. September, lädt die Gemeinde zum Neuzuzügertag ein.

Der Anlass soll den "Neuen" Informationen über die Gemeinde und einen ersten Kontakt zu verschiedenen Institutionen vermitteln. Kann ein echter Draht zum neuen Wohnort entstehen, ohne Interesse an seiner Geschichte?

Antonia Baumann*

Seit 1992 führt die Gemeinde zusammen mit der Präsidentenkonferenz den Neuzuzügertag durch. Er war bereits 1984 vom Verkehrs- und Verschönerungsverein (VVH) ins Leben gerufen worden. Dabei steht auch heute noch die Vermittlung erster Kontakte neu zugezogener Herrliberger mit Vereinen und anderen Institutionen im Vordergrund sowie ein kurzer Dorfrundgang. Ein weiterer Aspekt gehörte ebenfalls zur Gründungsidee: die Sensibilisierung für die Ortsgeschichte.

Geschichtslosigkeit

Das gegenwärtige Geschichtsbewusstsein umfasst kaum noch historische Entwicklungen einzelner Länder und Kulturen über einen grösseren Zeitraum. Dem Zeitgeist entsprechend sind "Highlights" gefragt, Momentaufnahmen, die zwar detailliert beleuchtet sein können, jedoch oft aus dem grösseren Zusammenhang gerissen sind. Sie bilden so etwas wie historische Inseln und erschweren durch ihr Isoliertsein die Orientierung innerhalb des übergeordneten geschichtlichen Gefüges.

Im westlichen Kulturbereich hat sich eine Bevölkerung herangebildet, die für geschichtliche Zusammenhänge nur noch eine geringes Interesse aufbringt, was der inzwischen weit verbreiteten Geschichtslosigkeit zum Siegeszug verholfen hat. Besonders die Ortsgeschichte leidet unter diesem Defizit, wird sie zudem höchstens auf der Mittelstufe gelehrt und anschliessend meist vergessen.

Zwar kann die ältere Dorfbevölkerung noch von früher erzählen, falls man ihr zuhört. Ansonsten irren einige verschrobene "history freaks" scheinbar ziellos in der Gemeinde umher, die aus kaum nachvollziehbaren Gründen die Ortsgeschichte zu ihrem Hobby erkoren haben. Sie wedeln den Staub von vergilbten Urkunden, suchen unermüdlich mit detektivischem Spürsinn nach einem vordergründig bedeutungslosen Detail und ergiessen ihre kleinen Erfolgserlebnisse in akribisch abgefasste Berichte, die gelesen werden oder auch nicht.
Ihr Idealismus wird zwar, wenn auch nur von Wenigen, durchaus geschätzt, was die "Ortsgeschichtler" am Leben erhält und sie zu weiteren, kommerziell nicht nachvollziehbaren Taten ermutigt. Andere haben höchstens ein Augenzwinkern übrig oder fragen sich, wie einige Exemplare dieser Dinosaurierart haben überleben können.

Ortsgeschichte und Identifikation

Ja, wozu ist sie denn gut, die Ortsgeschichte? Man kennt es eigentlich zur Genüge aus dem persönlichen Leben: Wer sich mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzt und nicht daran haften bleibt, schafft ideale Voraussetzungen, seinen zukünftigen Weg selber zu wählen. Wer sich mit der Geschichte befasst, weiss um die endlosen Wiederholungen und um die möglichen Erfolgschancen neuer Strömungen. Und wer sich mit der Ortsgeschichte abgibt, erfährt von Hintergründen, die zum Erscheinungsbild der heutigen Wohngemeinde geführt haben. Damit ist der Interessierte mit einem Bewusstsein für Entwicklungen und somit mit einem unerlässlichen Verständnis ausgerüstet, das die Basis für zukünftige Entscheidungen bildet.

Sicher, die Ortsgeschichte ist nur eine Facette des Gesamtbildes einer Gemeinde, und sie kann einem liegen oder nicht. Neue Ideen sind durchaus willkommen und frischen eingefahrene Werte auf. Sie sind jedoch nur dann von Dauer, wenn sie sich innerhalb eines geschichtlichen Bewusstseins abspielen.
Sich in einer neuen Gemeinde niederzulassen impliziert auch die Bereitschaft, ein minimales Interesse für ihre Vergangenheit aufzubringen. Dadurch wird ein sinnvoller Bezug zum Wohnort definiert und die Gemeinde nicht zum Schlafort degradiert.

Vom frühen Herrliberg

Ein Abstecher in seine Vergangenheit führt an die Grenze zu Erlenbach, wo auf einer Höhe von 560 m der Pflugstein, grösster Findling des Kantons, an die letzte Eiszeit erinnert. Der oberhalb von Wetzwil gefundene Schalenstein wurde in der Bronzezeit (etwa zwischen 2700 bis 1600 v.Chr.) bearbeitet und liegt heute seeseits des Gemeindezentrums Vogtei.

Postkarte mit Kirche und Hotel Raben mit Gartenterrasse (heute Il Faro), nach einem Stich aus dem Jahre 1897. (VVH-Archiv)
Postkarte mit Kirche und Hotel Raben mit Gartenterrasse
(heute Il Faro), nach einem Stich aus dem Jahre 1897.
(VVH-Archiv)

Im 8. Jahrhundert wird am Dorfbach Tächliswil angelegt, der Weiler des Tachilo, der später eine Aufteilung in Ober- und Unterdorf erfährt. Auf wunderschöner Höhenlage und gutem Ackerbaugebiet entsteht der Weiler des Wezzo (Wetzwil), der im Jahre 797 dem Kloster St.Gallen geschenkt wird. Auf gleicher Höhe finden sich später auch die kleinen Siedlungen Breitwil (Kittenmühle) und Intwil (Hof).
Im Hochmittelalter entsteht durch Rodung bergwärts der 100 m höher gelegene "Hof ze Rüti" (Rütihof). Das am See an der Grenze zu Erlenbach gelegene Landgut Schipf sowie die Weiler Busenhard, Grüt, Habüel, Rain und Sellholz reichen ebenfalls ins Hoch- oder Spätmittelalter zurück. In dieser Zeit erfolgt eine Erweiterung der Landwirtschaft durch das Aufblühen des Weinbaus.
"Herrliberg ist ein schönes, jedoch zerstreutes Dorf" typisiert Hans Erhard Escher bereits 1692 die Gemeinde in seiner "Beschreibung des Zürich Sees".

Irreführendes Image

1894 beginnt mit der Eröffnung der rechtsufrigen Bahn die langsame Entwicklung vom einfachen Weinbauerndorf zum Vorort der Stadt Zürich. Bereits 1836 war die Seestrasse entstanden, die den schmalen Pilgerweg ablöste.
Als in den 1960er Jahren die Überbauungen vorerst zögerlich einsetzten, verschmolzen nach und nach mehrere Siedlungen zu einem teilweise flächendeckenden Gebilde. Lebten in Herrliberg zwischen 1770 und 1900 etwa 1000 Einwohner, stieg die Bevölkerung ab 1960 von 3200 auf heute rund 5500 an.
Aus einem ländlichen Dorf mit einer von harter Arbeit voller Entbehrungen gezeichneten Bevölkerung entstand während der letzten Jahre eine wohlhabende Gemeinde. Eine oberflächliche Betrachtung verbindet heute Herrliberg mit dem plakativen Schlagwort "reich", was, wie auch bei anderen Gemeinden, für eine Minderheit der Einwohner zutreffen mag. Darüber hinaus wird die statistisch weit überwiegende Normalität in ihrer ganzen Bandbreite vergessen, in Verkennung der Realität und in Unkenntnis einer rudimentären Ortsgeschichte. Diese Normalität ist üblicherweise für die Medienwelt zu wenig spektakulär.

Ortsgeschichtliche Angebote

Der interessierte Neuzuzüger wird nicht allein gelassen im Bestreben, etwas über die geschichtliche Entwicklung von Herrliberg zu erfahren. Ein erster Einstieg über die Gemeinde-Webseite gibt einen guten Überblick. Wer es genauer wissen will, dem seien die beiden Geschichtsbände der Gemeinde Herrliberg empfohlen, erhältlich bei der Gemeindekanzlei und beim Verkehrs- und Verschönerungsverein (VVH).
Darüber hinaus gibt der VVH zusammen mit der Gemeinde seit 1977 ein Jahrheft heraus, den Herrliberger Kalender, der jeweils anfangs Jahr an alle Haushaltungen verteilt wird. Der VVH ist auch zuständig für die Wechselausstellungen in den Vitrinen der Vogtei, die Leben und Umfeld der Gemeinde thematisieren. Seit 1991 wird die Ortsgeschichte im VVH-Archiv aufgearbeitet, eine Stätte für Herrliberger Zeitzeugnisse.
Das neu erschienene Büchlein "Herrliberg auf alten Ansichtskarten" ist mit prägnanten Texten versehen, welche die Vergangenheit mit der Gegenwart verbinden. Ein weiteres ortsgeschichtliches Angebot sind die vom Gemeindeverein organisierten geführten Rundgänge durch das Dorf. Und wer mit Ortsgeschichte wirklich nichts am Hut hat, mag als Alternative das Gemeindegebiet anlässlich einer Exkursion des Natur- und Vogelschutzvereins Herrliberg/Erlenbach erkunden.

* Antonia Baumann ist Vorstandsmitglied im Verkehrs- und Verschönerungsverein Herrliberg, zuständig für die Gruppe "Archiv".