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« zurück zur Übersicht erschienen am 3. März 2005 in der Zürichsee-Zeitung

Blick auf eine fast vergessene Zeit

Herrliberg: "Oral history" - Interviews und Videoaufzeichnung erhellen Lebensweise von früher

Ein Leben wie zu Gotthelfs Zeiten: Auch im damals ländlichen Herrliberg ist diese einfache Lebensweise bis in die 1950er Jahre gängiger Alltag. Die Gruppe Archiv des Verkehrs- und Verschönerungsvereins Herrliberg (VVH) führte Interviews mit Herrlibergerinnen und Herrlibergern, die sich noch lebhaft an diese Zeit erinnern.

Antonia Baumann*

Die Gemeinde Herrliberg ist schweizweit führend in Sachen gemeindebezogener "oral history". Es handelt sich in diesem Rahmen um live erzählte Ortsgeschichte.

Kurzfassung gezeigt

Am 26. Februar konnte im würdigen Festsaal des Wohnhauses Vogtei den gespannten Beteiligten eine Kurzfassung der Videoaufzeichnung vorgeführt werden, die drei Gruppeninterviews zum Thema "erlebte Geschichte" festhält. Die Aufzeichnung hatte am 20. November 2004 stattgefunden, als die Gruppe Archiv des Verkehrs- und Verschönerungsvereins (VVH) 12 Herrlibergerinnen und Herrliberger zu Interviews in die Vogtei einlud.
Diese Gespräche ergänzten die zwischen 2002 und 2004 von der Gruppe Archiv schriftlich dokumentierten 28 Einzelinterviews mit älteren Herrlibergerinnen und Herrlibergern, die sich noch gut an das Leben von früher in Herrliberg erinnern.

Das Videotag-Team in der Vogtei Herrliberg (von links nach rechts): Lotti Lamprecht, Ruedi Weinmann, Maria Toth, Antonia Baumann, Armin Bamert sowie Marie-Louise und Hansbeat Hess. Annelies Schnyder-Schlatter
Das Videotag-Team in der Vogtei Herrliberg (von links nach rechts): Lotti Lamprecht, Ruedi Weinmann, Maria Toth, Antonia Baumann, Armin Bamert sowie Marie-Louise und Hansbeat Hess.
Annelies Schnyder-Schlatter

Chronologie und Assoziation

Die Gruppe Archiv erstellte einen Interview-Raster, der als Basis für die 28 Einzelbefragungen diente, wobei nur die in der Gemeinde Herrliberg zugebrachte Zeit relevant war. Schwerpunkte der Befragungen waren u.a. Familiensituation, Lebensumfeld, Schule und Ausbildung, Alltag, Überleben vor und während des Kriegs, Bezug zur Kirche, Wahrnehmung der sozialen und strukturellen Veränderungen innerhalb der Gemeinde, Freizeit sowie besondere Ereignisse und Mitwirkung in Vereinen. Es stellte sich als sinnvoll heraus, die Fragen strukturiert und im chronologischen Ablauf zu stellen (also mit der Kindheit anzufangen) und nicht den Lebenslauf von heute aus rückblickend aufzurollen, wie dies etwa bei einem Curriculum Vitae für eine Stellenbewerbung üblich ist.
Aufgrund ihrer ortsgeschichtlichen Kenntnisse konnten die beiden Befragerinnen Marie-Louise Hess und Antonia Baumann zusätzliche gezielte Fragen stellen und dadurch Bezüge herstellen, welche die Erinnerungen der Gesprächspartner auffrischten. Oft löste dies Assoziationen aus, die zu unerwarteten und überaus wertvollen Beiträgen führten.

"Auf den Weg mitgegeben"

Die Fragen "Was haben Ihnen Ihre Eltern auf den Weg mitgegeben" und "Was haben Sie Ihren Kindern auf den Weg mitgegeben" waren nicht als quantifizierbare Elemente gedacht, sondern zielten auf eine zusammenfassende Wertevorstellung hin, welche oft den Hintergrund und die Entwicklung des Lebenslaufs zusätzlich unterstrich. Die ca. zweistündigen Interviews wurden auf dem Laptop mitgeschrieben, anschliessend ausführlich redigiert und teilweise mit Photos ergänzt. Einzelne Interviews verteilten sich, bedingt durch ihre Informationsmenge, auf mehrere Tage. Die Gruppe Archiv achtete darauf, dass die Befragten allen Berufssegmenten angehörten, eine gleichmässige Verteilung auf Frauen und Männer stattfand sowie darauf, dass die Befragten örtlich gemeindeweit verteilt waren.

Streusiedlung

Die örtliche Verteilung ist in Herrliberg umso wichtiger, als es sich um eine Streusiedlung handelt, d.h. Herrliberg besteht aus vielen Weilern, die erst im Verlauf der letzten Jahrzehnte teilweise zusammengewachsen sind. Dies erklärt auch, weshalb kein eigentlicher Dorfkern besteht. Die Gemeinde Herrliberg ist topographisch auf fünf Geländeterrassen verteilt und erstreckt sich gewissermassen vom blauen See bis zum blauen Himmel am Pfannenstiel. Gerade diese Höhenunterschiede spiegeln sich auch in den Lebensläufen der Gesprächspartner wieder. So konnte ein starker Winter die einzelnen Weiler vollständig isolieren. Auch wurde die örtliche Distanz zu Schule und Kirche immer wieder betont.

Grossfamilie und Kooperation

Das Fernsehen hat kürzlich das tägliche Leben einer "Gotthelf-Familie" auf einem Bauernhof im Emmental dokumentiert und dabei die Situation im Sommer und Winter beleuchtet. Auch im ländlichen Herrliberg ist bis Ende der 1950er Jahre diese einfache Lebensweise immer noch anzutreffen. Die Familie, besonders die Bauernfamilie, ist eine Arbeits- und Lebensgemeinschaft. Dabei ist meist noch die Dreigenerationen-Familie intakt, bestehend aus Grosseltern, Eltern und Kindern. In einer Zeit, in der nur wenige Maschinen die Arbeit erleichtern, sind die Arbeitstage für alle Familienmitglieder lang und körperlich anstrengend. Auch die Kinder müssen mithelfen.

Videotag in der Vogtei

Am 20. November 2004 konnte die Gruppe Archiv des VVH in Ergänzung zu den bereits durchgeführten Einzelinterviews zusätzlich 12 Herrlibergerinnen und Herrliberger gewinnen, die sich bereit erklärten, vor laufender Kamera über ihr Leben zu erzählen. Dabei sollten neben den einzelnen Informationen auch das gegenseitige Beflügeln durch die Assoziationen innerhalb eines Gruppengespächs zum Tragen kommen. Es wurden drei Gruppen gebildet, wobei jede während einer Stunde ein Schwerpunktthema behandelte. Zur Videoaufzeichnung eignete sich das gemütliche Ambiente der Trotte in der Vogtei bestens, denn für alle Beteiligten war ein dokumentierter Live-Auftritt etwas Ungewohntes. Auch bei diesen Interviews achtete die Gruppe Archiv darauf, dass die Verteilung auf Berufsstände, Geschlecht und örtliche Herkunft innerhalb der Gemeinde möglichst gleichmässig war. Die Gesprächsleitung übernahmen Antonia Baumann und Marie-Louise Hess, die Aufzeichnung erfolgte im VVH-Auftrag durch Ruedi Weinmann und Armin Bamert (Weinmann Video-Productions). Für die perfekte Organisation des Anlasses sorgten Lotti Lamprecht, Maria Toth und Hansbeat Hess.

Kindheit

Die erste Gesprächsrunde bestand aus Rosemarie Gachnang-Huber, Lilly Freitag-Schwarzenbach, Doris Keller-Aebi und Heinz Meyer. Nachdem sich alle kurz vorgestellt hatten, ging es um den Themenschwerpunkt Kindheit. Auch wenn daheim, im Garten, auf dem Bauernhof oder im Rebberg viel mitgearbeitet werden musste, wurde die Kindheit meistens als eine glückliche bezeichnet. Die Kinder freuten sich über (aus heutiger Sicht) Kleinigkeiten, liessen ihrer Phantasie freien Lauf, erlebten die Jahreszeiten sehr intensiv und pflegten freundschaftliche Kontakte. Bisweilen kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den Schulkindern aus Herrliberg und Feldmeilen. Dann wurden aus hölzernen Telefonstangen Kanonen gebastelt, und ein Mädchen setzte sich ein selber gemachtes Häubchen auf, mit einem gemalten roten Kreuz. Es war mitten im Krieg, die wenigen Autos fuhren mit Karbidmotoren, und die Kinder konnten auf der verschneiten Forchstrasse von Wetzwil bis zum See schlitteln.

Gewerbe und Dorfleben

Im zweiten Gruppengespräch erzählten Hedi Frei-Traber, Paul Müller, Jean Peter und Ruth Weinmann über Dorfleben und Gewerbe. Die Weiler-Struktur war noch ausgeprägt, es gab überall kleine Läden. Der Landi im Dorf war der einzige grössere Laden. Als nach dem Krieg der mobile Migroswagen kam, wurde er vorerst nur zaghaft genutzt. Der Coiffeur arbeitete Samstags zwischen morgens sechs und abends zehn Uhr, denn er rasierte gegen 100 Männer! Die Kundschaft wartete im nahen "Frohsinn", bis sie an der Reihe war. Manchmal wurde der Coiffeur, mangels Geld, erst im Herbst mit einem Fässli Most für seine Dienste bezahlt. Der Dorfschmied beschlug die Pferde und reparierte Fuhrwerke und landwirtschaftliche Geräte. Es gab auch noch Küfer, Schuhmacher, Schreiner, Sattler etc. Sogar zwei Schneider betrieben ihr Handwerk. Damals kostete ein Anzug mindestens einen Monatslohn. Störschneiderinnen gingen von Haus zu Haus, undStörmetzger verrichteten ihre Arbeit von Hof zu Hof. Morgens konnte man dem Bäcker Früchte und Wähenguss bringen, woraus dieser dann eine riesige, runde Wähe backte, Mahlzeit für eine Grossfamilie. Herrliberg war bis anfangs der 1960er Jahre eine arme Gemeinde, und der Steuerfuss war einer der höchsten im Kanton.

Kriegszeit

Die letzte Gesprächsgruppe behandelte das Thema "Überleben während der Kriegszeit", zu dem sich Hans Freitag-Schwarzenbach, Lydia Krähenbühl-Schuhmacher, Annelies Schnyder-Schlatter und Robert Wegmann äusserten. Erinnerungen an Verdunkelung und Lebensmittelmarken wurden wach, im Estrich mussten vorsorglich Sandsäcke eingelagert werden, damit bei einem Bombenangriff der Brand schneller gelöscht werden konnte. Sogar die Wegweiser im Dorf waren in jenen Kriegstagen entfernt worden. Die Kinder mussten Holzscheite in die Schule mitnehmen, damit der Klassenraum überhaupt geheizt werden konnte. Einmal wurde über Wetzwil eine Messerschmitt abgeschossen, dessen Überreste im Greifensee bestaunt wurden. Der Frauenverein kümmerte sich um Kleidersammlungen, und Elisabeth Schlatter, die Pfarrfrau, brachte die Mädchen, die bei den Bauernbetrieben Landdienst leisten mussten, im Pfarrhaus unter. Auch einige der Kinder aus dem Kriegsgebiet, die das Rote Kreuz für drei bis sechs Monate auf die schweizer Gemeinden verteilte, fanden bei der Pfarrfamilie Unterschlupf. Die Bauern mussten die Pferde an das Militär abgeben und sich daran gewöhnen, mit Hilfe von Kühen die Feldarbeit auszuführen. Für alle öffentlichen Ämter gab es eine Ersatzwahl, um die militärbedingten Absenzen aufzufangen. Der "Plan Wahlen" legte fest, wieviel zusätzlich angepflanzt werden musste.

Wertvolle Informationen

Die 28 Einzelinterviews und die Videoaufzeichnung von weiteren 12 Herrlibergerinnen und Herrlibergern wurden finanziell durch die Gemeinde Herrliberg und durch den VVH unterstützt. Das VVH-Dorfarchiv kann von den ausführlichen Lebensläufen und den damit verbundenen wertvollen Informationen sehr profitieren. Neben den bereits vorhandenen historischen Dokumenten und ortsgeschichtlichen Publikationen bildet gerade die unmittelbar erzählte "oral history" eine unschätzbare Erweiterung des Wissens, wie das Leben und Umfeld in unserer Gemeinde bis vor Kurzem noch war.

Ortsgeschichtliche Angebote

Herrliberg: "Oral history" - Gemeinde ist schweizweit führend Ein erster Einstieg über die Gemeinde-Webseite gibt einen Überblick über die Herrliberger Ortsgeschichte (www.herrliberg.ch). Wer es genauer wissen will, werden die Bände "Geschichte der Gemeinde Herrliberg" (1980) und "Bilder der Gemeinde Herrliberg" (1981) empfohlen, erhältlich bei der Gemeindekanzlei und beim Verkehrs- und Verschönerungsverein (VVH, www.vvherrliberg.ch). Zusätzlich gibt der VVH zusammen mit der Gemeinde seit 1977 ein Jahrheft heraus, den "Herrliberger Kalender" der jeweils anfangs Jahr an alle Haushaltungen verteilt wird (die ZSZ berichtete darüber am 28. Februar). Der VVH ist auch zuständig für die Wechselausstellungen in den Vitrinen der Vogtei. Die gegenwärtige Ausstellung ist dem Thema "Haushalten vor 80 Jahren" gewidmet. Das 2003 im Eigenverlag der Gemeinde Herrliberg erschienene Büchlein "Herrliberg auf alten Ansichtskarten" wurde durch die Gruppe Archiv des VVH mit prägnanten Texten versehen, welche die Vergangenheit mit der Gegenwart verbinden. Es ist sowohl bei der Gemeindekanzlei als auch beim VVH erhältlich. Ein weiteres ortsgeschichtliches Angebot sind die vom Gemeindeverein organisierten geführten Rundgänge durch das Dorf. Seit 1991 wird die Ortsgeschichte im VVH-Dorfarchiv aufgearbeitet, eine Stätte für Herrliberger Zeitzeugnisse. Die Gruppe Archiv führte zwischen 2002 und 2004 Interviews mit Herrlibergerinnen und Herrlibergern zum Thema "erlebte Ortsgeschichte" durch. Dabei konnten 28 Einzelinterviews und eine Videoaufzeichnung mit 12 weiteren Personen durchgeführt werden. Hinsichtlich Dokumentieren von gemeindebezogener "oral history" ist die Gemeinde Herrliberg schweizweit führend. (ab)

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*Antonia Baumann ist Vorstandsmitglied im VVH, zuständig für die Gruppe Archiv.