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« zurück zur Übersicht erschienen am 14. Mai 2001 in der Zürichsee-Zeitung

Künstler und Unternehmer

Herrliberg: David Herrliberger in den Vogtei-Vitrinen

Die gegenwärtige Vitrinen-Ausstellung im Foyer der Vogtei Herrliberg ist dem berühmten Kupferstecher und Verleger David Herrliberger gewidmet (siehe auch "ZSZ" vom 26. April 2001). Sie wurde von der Gruppe Archiv des Verkehrs- und Verschönerungsvereins Herrliberg (VVH) realisiert.

Antonia Baumann*

Die Vitrinen-Ausstellung im Foyer der Vogtei Herrliberg ist gegenwärtig dem berühmten Kupferstecher und Verleger David Herrliberger gewidmet. In diesem Zusammenhang beleuchtet jede der vier Vitrinen einen Schwerpunkt von David Herrlibergers Lebenswerk. Daneben wird vertieft auf Themen wie die Überlieferung des Ortsnamen Herrliberg in alten Dokumenten eingegangen, aber auch auf Anschauungsmaterial für Kupferstich und Radierung sowie auf den Wortschatz des 18. Jahrhunderts.

David Herrliberger (1697-1777) lebte und wirkte in Zürich, Hegi und Maur. Kaum ein Geschichts-Interessierter hat nicht schon sein Hauptwerk, die Neue und vollständige Topographie der Eydgno schaft als Faksimile oder gar im Original in Händen gehalten.

Das Leben und Werk von David Herrliberger wurde bereits in der "ZSZ" näher beleuchtet. Nachstehend sollen auf einzelne Werke und ihre Bedeutung im 18. Jahrhundert sowie auf frühe druckgraphische Verfahren eingegangen werden.

Herrliberger wird Unternehmer

Nach den Lehr- und Wanderjahren und einer 'Familienpause' nimmt David Herrliberger mit knapp vierzig Jahren den erlernten Beruf wieder auf und beginnt gleichzeitig eine ausgedehnte Verlagstätigkeit. In seinem 'Herrlibergerischen Kunstverlag' entstehen Werke, welche sowohl für die Zürcher als auch für die gesamtschweizerische Buchillustration des 18. Jahrhunderts von grösster Bedeutung sind.

Trauerzeremonie, aus 'Zürcher Ceremonien', Tafel V, von David Herrliberger, 1750. Oben: Trauerzug für einen 'Seigneur de Distinction' durch den Talacker. Der Sarg wird von acht Ratsherren getragen.Unten: Dank an die Trauergemeinde. Roland Brändli
Trauerzeremonie, aus "Zürcher Ceremonien", Tafel V, von David Herrliberger, 1750.
Oben: Trauerzug für einen 'Seigneur de Distinction' durch den Talacker. Der Sarg wird von acht Ratsherren getragen. Unten: Dank an die Trauergemeinde. Roland Brändli

Diversifikation

Bei grosser Nachfrage lässt David Herrliberger seine Werke mehrmals nachdrucken und auch auf französisch übersetzen. Dabei kann die Auflage eine Höhe von wenigen hundert Stück bis zu tausend Exemplaren erreichen. Das Verlagswerk Baron von Eisenbergs Reitschul nach Vorlagen von Bernard Picart beispielsweise wird von Herrliberger 1739 in deutsch, 1743 in französisch, 1748 erneut in deutsch und schliesslich 1770 nochmals in deutsch und französisch herausgegeben. Das Bild L'Alliance & la Concorde des Suisses stellt Herrlibergers künstlerischen Höhepunkt dar. Es entsteht 1727 in Amsterdam, als er sich bei Bernard Picart weiterbildet. David Herrliberger gibt in den Jahren 1738-1749 sein umfangreichstes Verlagsprodukt heraus, die Ceremonien. Die 540 Abbildungen bestehen aus 20 Teillieferungen und stellen die deutsche Bearbeitung des Ceremonien-Werks von Picart dar, ein enzyklopädisches Werk über die grossen Religionen aus der Sicht des 18. Jahrhunderts. Herrliberger überträgt die Werke seines künstlerischen Vorbilds auf Kupferplatten und gibt sie in seinem Verlag neu heraus. 1750 ergänzt er das Werk mit 25 eigenen Abbildungen der Heiligen Ceremonien der reformierten Kirchen der Stadt und Landschaft Zürich.

Topografie der Eidgenossenschaft

David Herrlibergers Hauptwerk, die Neue und vollständige Topographie der Eydgno schaft (1754-1777) entsteht hauptsächlich während seiner Gerichtsherrschaft in Maur und besteht aus 38 Teillieferungen, welche mit seinem Tod abbrechen. Mit diesem Werk folgt er dem Beispiel von Johannes Stumpf (1547) und Matthäus Merian d. Ä. (1642). Seine historisch-geographische Darstellung der Schweiz, welche Ansichten von Städten, Dörfern und Landschaften, aber auch Naturerscheinungen wiedergeben, sieht er als Ergänzung zum Schweitzerischen Lexicon (1747-1765) von Hans Jacob Leu. Mit der Topographie versucht Herrliberger die Kunst mit der Wissenschaft zu vereinen. Gleichzeitig hält er das Leben seiner Zeit möglichst umfassend im Bild fest, um es der Nachwelt zu überliefern. Die Topographie enthält 328 Radierungen und ist ein Gemeinschaftswerk von verschiedenen Zeichnern, die nach Herrlibergers Angaben Entwürfe liefern. Die Textverfasser bleiben ungenannt. In einem seiner Vorworte zu einer Teillieferung wird sogar der Leser aufgefordert, selber Bilder und Texte seines Landgutes einzusenden, was mit dazu führt, dass im Werk nicht alle Regionen gleichmässig vertreten sind. Widmet Herrliberger etwa der Stadt Winterthur nur eine Seite, erscheinen gleich sechs Ansichten der von ihm bewohnten Burg Maur. In Berlin entsteht deshalb das geflügelte Wort "Château de Maur von hinten" für eine 'Sache ohne Bedeutung'. Heute weiss man allerdings, dass Herrliberger und der Zeichner Nözli mit den Darstellungen der Burg Maur nach allen Himmelsrichtungen hin das erste bekannte, zentralperspektivisch aufgenommene Vollpanorama der Kunstgeschichte geschaffen haben.

Zürcher Ausrufbilder

Am 18. Juli 1748 kündigt David Herrliberger in den 'Donnstags-Nachrichten', einem wöchentlich erscheinenden Nachrichtenblatt, eine Neuerscheinung an: "In dem Herrlibergerischen Kunst-Verlag ist ein kurzweiliges Wercklein unter folgendem Titul zuhaben: Zürcherische Ausruff-Bilder, vorstellende Diejenige Personen, welche in Zürich allerhand so wol verkäuffliche, als andere Sachen, mit der gewohnlichen Land- und Mund-Art ausruffen, in 52 sauber in Kupfer gestochenen Figuren, mit hochdeutschen Versen von verschiedenen Einfällen, nach der uralten Reimkunst begleitet". Die Zürcher Ausruf-Bilder werden ein grosser Erfolg. Die erste Auflage ist nach drei Wochen vergriffen und wird kurz darauf neu aufgelegt, diesmal auch mit französischen Reimen. 1749 und 1751 folgen nochmals je 52 Zürcher Ausrufer, 1749 auch 52 entsprechende Ba lerische Ausruff-Bilder. Herrliberger steht mit der Darstellung von Strassenhändlern in einer europäischen Tradition: Seit dem 16. Jahrhundert, vor allem aber im 18. Jahrhundert, entstehen in jeder grösseren Stadt solche Druckgraphiken, so etwa die 'Ancient Cries of London' und 'Les Cris de Paris'.

Die Zürcher Ausruf-Bilder, 1748 erstmals herausgegeben, waren für David Herrliberger ein grosser Erfolg. Hier ein Strassenhändler, der Gewehre feilhält.
Die Zürcher Ausruf-Bilder, 1748 erstmals herausgegeben, waren für David Herrliberger ein grosser Erfolg. Hier ein Strassenhändler, der Gewehre feilhält.

Motive der Ausrufer mit ihren Kaufrufen finden sich auch in literarischen und musikalischen Werken, etwa bei Shakespeare, Rabelais und Proust sowie bei Scarlatti, Offenbach und Charpentier. Die Ausruf-Bilder sind Herrlibergers bekanntestes und einziges heiteres Werk. Sie sind auch der einzige schweizerische Beitrag zu dieser Graphikgattung.

Spiegel der Zeit

Zusammen mit den 52 Figuren der Zürcherischen Kleider-Trachten, welche 1749 erscheinen, hinterlässt uns Herrliberger 208 Abbildungen von Frauen und Männern aus dem Zürcher Alltag des 18. Jahrhunderts, die Aufschluss geben über die Lebensgewohnheiten der damaligen Bevölkerung. So dokumentieren die Figuren etwa den zürcherischen Speisezettel der Zeit (z.B. werden Orangen und Zitronen angepriesen) und zeigen sowohl die städtische Mode der verschiedenen Stände, als auch die einfachere, ältere, durch grobe Stoffe und fehlende Garnituren gekennzeichnete Kleidung der Landbevölkerung. Die Leute vom Land machen einen Fünftel der Stadtbevölkerung aus. Sie arbeiten als Bedienstete in städtischen Haushalten. Die Bekleidung ist im 18. Jahrhundert noch längst keine persönliche Angelegenheit, sondern Gegenstand obrigkeitlicher Verordnungen, welche genau zu befolgen sind. Übertretungen werden streng geahndet. Wir hören auch von pflanzlichen Heilmitteln wie Holdermues, einer Universalarznei, oder Schkorpion-Oel, welches u.a. zur Heilung von Wunden dient. Gebrauchsgegenstände wie Kazenschwanzribel (Scheuerbürsten aus Schachtelhalm zum Reinigen von Zinngeschirr), Schrybsand zum Trocknen der Tinte, Fürstei und Zundel zum Feueranfachen oder Räckholder-Studä (Wacholderstauden, u.a. als desinfizierendes Räuchermittel in Sterbezimmern) geben uns direkten Einblick in den damaligen Alltag.

Chrusslen und Sanicklaus-Baümli

Die Ausruf-Bilder und die Kleider-Trachten sind die beiden einzigen Werke Herrlibergers, die auch koloriert vorliegen, wobei die Ausruf-Bilder nicht nur für die Volkskunde, sondern auch für die Mundartforschung, vor allem im Bereich des Wortschatzes, eine frühe und ergiebige Quelle darstellen. Über dem hochdeutschen Vers, der die feilgehaltene Ware - oft humorvoll - kommentiert, setzt der Herausgeber den eigentlichen Ausruf in der Mundart. Der Vergleich zwischen der Basler und der Zürcher Ausgabe zeigt, dass Herrliberger auch die lautlichen Mundartunterschiede bewusst sind: In Basel wird kroomad, in Zürich chramed (kauft) gerufen, dort gibt es Kirsi, hier Kriesi (Kirschen). Zudem sind auch die fremden Händler nicht nur durch ihr Angebot, sondern zusätzlich durch ihre Sprache charakterisiert. Die Ausrufer führen heute vergessene, altzürcherische Wörter vor: Schwäbel (Schwefel), Toketen (Puppen), Kardiviol (Blumenkohl), Mäye (Blumensträusse), Chrusslen (bauchige Henkelkrüge für Wein, Most, Bier), Aemeri (Sauerkirschen) oder Wallheisten-Eyer (Waldameiseneier als Futter für die sehr beliebten Käfigvögel oder als Fischköder). Erstmals in der Schweiz erscheint hier eine Abbildung des Christbaums und zwar mit der Bezeichnung Sanicklaus-Baümli. David Herrliberger verwendet in den Ausruf-Bildern die Mundart, um die Echtheit und Volkstümlichkeit seiner Figuren zu betonen. Das Werk wird dadurch als wissenschaftliche Quelle umso wertvoller, da es neben der Kenntnis der Sachkultur auch unser Wissen vom dazugehörigen Wortschatz bereichert.

Kupferstich und Radierung

Der Kupferstich ist innerhalb der druckgraphischen Verfahren die früheste Tiefdrucktechnik und geht auf den Anfang des 15. Jahrhunderts zurück (Süddeutschland). Als Druckträger dient eine glattpolierte Kupferplatte, worin die Zeichnung mit dem Grabstichel eingefurcht wird. Für den Abdruck wird die Druckerschwärze in die Vertiefungen eingerieben, und anschliessend werden die glatten Flächenanteile wieder freigewischt. Die Übertragung auf Papier geschieht durch Abreiben oder unter Zuhilfenahme einer Presse. Der Kupferstich eignet sich für einen betont linearen Zeichenstil. Eine Kupferstichplatte ermöglicht 200 bis höchstens 800 Abzüge. Bei der Radierung, welche seit dem frühen 16. Jahrhundert bekannt ist, wird die Kupferplatte mit einer dünnen Schicht Wachs oder Harz überzogen, worin die Zeichnung mit der Radiernadel eingeritzt wird. Das anschliessende Säurebad ätzt das durch die Zeichnung freigelegte Metall. Im weiteren Verlauf der Arbeit können einzelne Partien erneut abgedeckt werden, wobei gleiche freibleibende Teile noch tiefer geätzt werden. Die Radierung kommt der Vorliebe für Hell-Dunkel-Wirkungen entgegen. Der Begriff Kupferstecher wird auch dann noch beibehalten, nachdem die Kupferstecher längst zum Radieren (Ätzen) übergegangen sind. David Herrliberger verwendet zwar beide Drucktechniken einzeln, der grösste Teil seiner über tausend Illustrationen entsteht jedoch in Mischtechnik.

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*Basierend auf dem Ausstellungstext, der in Zusammenarbeit mit Lotti Lamprecht und Marie-Louise Hess entstand.
Interessierten, die sich über die Vitrinen-Ausstellung im Foyer der Vogtei hinaus vertieft mit David Herrliberger auseinandersetzen möchten, empfehlen wir einen Besuch der Herrliberger-Sammlung im Museum Burg in Maur. Öffnungszeiten: 1. und 3. Samstag im Monat, 14 bis 17 Uhr, oder nach Vereinbarung (Frau Ch. Bozzone, Kuratorin, Tel: 044 980 30 33, oder Gemeindeverwaltung Maur, Tel: 044 980 22 21).

* Antonia Baumann ist Vorstandsmitglied im Verkehrs- und Verschönerungsverein Herrliberg, zuständig für die Gruppe "Archiv".