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« zurück zur Übersicht erschienen am 29. April 2006 in der Zürichsee-Zeitung

Archäologie in Herrliberg

Herrliberg: Die Kantonsarchäologie zu Gast beim VVH.

Renata Windler, Ressortleiterin in der Kantonsarchäologie, zuständig für archäologische Ausgrabungen und wissenschaftliche Auswertungen, referierte über die archäologischen Funde in Herrliberg. Einmal mehr wurde ein packender und informativer Vortrag an der Generalversammlung des Verkehrs- und Verschönerungsvereins Herrliberg (VVH) zum Erlebnis.

Antonia Baumann*

Im Vergleich zu anderen Seegemeinden sind die archäologischen Funde in Herrliberg eher spärlich, jedoch durchaus spannend. Sie erstrecken sich über einen Zeitraum von über 4500 Jahren. So konnte Renata Windler dem interessierten Publikum mehrere archäologische Highlights vorführen, gut bebildert und mit eindrücklichen Ausführungen. Herrliberg verfügt über eine im Verhältnis zum Gemeindeareal kurze Uferzone von 1500 m, die steil abfällt. An dieser konnten, im Gegensatz zum nachbarlichen Winkel oder Meilen, keine Pfahlbauten (Jungsteinzeit und Bronzezeit) gefunden werden.

Archäologische Zonen

Auch in Herrliberg wurden solche Zonen definiert: vier grosse und drei kleine. Sie betreffen Orte, wo mehrere Funde gemacht wurden oder historische Anhaltspunkte für archäologische Zeugnisse vorliegen, sodass Bauvorhaben, welche diese Zonen tangieren, durch die Gemeinde der Kantonsarchäologie zur Anzeige gebracht werden müssen, um vor den Zerstörungen durch Baggeraushub archäologische Untersuchungen (Sondierungen oder Rettungsgrabungen) zu ermöglichen.

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Archäologische Fundorte (rot) in Herrliberg. (2005 swisstopo und Antonia Baumann)
Archäologische Fundorte (rot) in Herrliberg. (2005 swisstopo und Antonia Baumann)

Funde aus der Jungsteinzeit

Dazu gehört der 1850 im Chapftobel (Fröschgüllenbach) oberhalb von Wetzwil auf 640 m Höhe gefundene so genannte Schalenstein. Der Stein befand sich vermutlich ursprünglich höher und wurde im Laufe der Zeit hinuntergeschwemmt. In den 110 cm langen, roten Ackerstein wurden dreizehn Schalen eingeschliffen, die wahrscheinlich kultischen Zwecken dienten. Der Herrliberger Schalenstein gelangte bereits 1858 nach Zürich in die Wasserkirche, die damals als Museum diente. 1993 überführte ihn Edi Lanners von der Platzspitzanlage hinter dem Schweizerischen Landesmuseum an die südöstliche Ecke der Zehntenscheune. Am Chilenrain, etwa 200 m nordöstlich der Kirche Wetzwil, entdeckte ein Schüler am 29. Oktober 1969 eine Steinbeilklinge, die dem Schweizerischen Landesmuseum übergeben wurde. Ein weiterer Fund aus dem Jahre 1984 stammt aus einem frisch angesäten Acker im Vorrain, östlich von Wetzwil. Diese und ähnliche Werkzeuge, deren Oberfläche von jungsteinzeitlichen Bauern glatt poliert wurden, führten zur französischen Bezeichnung "l'âge de la pierre polie" (Jungsteinzeit) und kommen vor allem in Seeufersiedlungen in grossen Mengen vor. Die Beilklinge vom rund 650 m hoch gelegenen Chilenrain ist etwa 15 cm lang. Vielleicht wohnte der einstige Besitzer in einer der Siedlungen am See und hatte sie beim Roden von Bäumen verloren.

Römische Goldmünze

Aus der Bronze- und Eisenzeit kennen wir vorderhand keine Funde auf Herrliberger Boden. Die Römer hinterliessen in der ganzen Schweiz nachhaltige Spuren, auch am Zürichsee. So bestanden etwa in Meilen, Küsnacht und Horgen römische Gutshöfe. Zürich (Turicum) war eine kleinstädtische Siedlung und Zollstation. Neue Errungenschaften wurden in das schweizerische Gebiet eingeführt, etwa ein ausgebautes Strassennetz und herrschaftliche Landgüter mit beheizten Badeanlagen. Die militärischen Einheiten bedurften einer ausgedehnten Infrastruktur.
Obwohl in Herrliberg keine römische Siedlung nachgewiesen werden konnte, wurde vor 1910 auf dem Gemeindeareal (genauer Fundort unbekannt) eine seltene Goldmünze gefunden. Die Vorderseite zeigt Kaiser Nero, auf der Rückseite ist Salus dargestellt, Göttin des Heils und der staatlichen Wohlfahrt. Sie sitzt auf einem Stuhl und hält eine Opferschale in der Hand. Spezialisten können die Prägung der Münze auf das Jahr 66/67 n.Chr. festlegen. Kaiser Nero benutzte das Symbol der Salus als Propagandamittel, da seine Beliebtheit am Schwinden war.
Goldmünzen waren auch ein Zahlungsmittel für das römische Heer. Oft kam es aber auch vor, dass diese mehrere hundert Jahre gehortet wurden, sodass die Herrliberger Münze vielleicht sogar erst nach der Römerzeit auf nicht geklärte Weise in den Boden gelangte.

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Römische Goldmünze, geprägt 66/67 n.Chr. Kaiser Nero (links) zeigt sich mit Salus (rechts), der Göttin des Gemeinwohls. Aufbewahrungsort: Schweizerisches Landesmuseum Zürich. (Kantonsarchäologie)  Römische Goldmünze, geprägt 66/67 n.Chr. Kaiser Nero (links) zeigt sich mit Salus (rechts), der Göttin des Gemeinwohls. Aufbewahrungsort: Schweizerisches Landesmuseum Zürich. (Kantonsarchäologie)
Römische Goldmünze, geprägt 66/67 n.Chr. Kaiser Nero (links) zeigt sich mit Salus (rechts), der Göttin des Gemeinwohls. Aufbewahrungsort: Schweizerisches Landesmuseum Zürich. (Kantonsarchäologie)

Brosche einer Alemannin

Im Kanton Zürich datieren etwa hundert Fundstellen aus dem frühen Mittelalter. 1918 wurde beim Strassenkreuz Bergstrasse/Lindenstrasse eine Gräbergruppe ausgehoben. Es handelte sich um sechs Gräber, wovon ein Frauengrab mit Beigaben. Die Gräber waren mit für diese Zeit typischen Steinen umrahmt.
Um 700 n.Chr. hörte die Sitte der Grabbeigaben auf. Diese Zeit war von Holzbauten geprägt, weshalb Siedlungen bedeutend weniger gut archäologisch nachweisbar sind als für die römische Zeit, in der Steinbauten häufig waren.
Das Fundensemble des Frauengrabs besteht aus zwei grossen Drahtohrringen, einem Bandarmring mit Scharnier, einigen Glasperlen einer Halskette sowie einer kreuzförmigen Brosche (sogenannte Fibel) aus Bronze. An ihrer Grundplatte ist eine Nadel befestigt, sodass die Fibel zum Zusammenheften der Kleidung benutzt werden konnte.

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Kreuzförmige Fibel (Bronze) aus alemannischem Frauengrab südwestlich vom 'Hof'. Aufbewahrungsort: Schweizerisches Landesmuseum Zürich. (Martin Bachmann, Kantonsarchäologie)
Kreuzförmige Fibel (Bronze) aus alemannischem Frauengrab südwestlich vom "Hof". Aufbewahrungsort: Schweizerisches Landesmuseum Zürich. (Martin Bachmann, Kantonsarchäologie)

Funde aus dem Spätmittelalter

Während der Innenrenovation der reformierten Kirche Tal im Jahre 1962 legten archäologische Grabungen Grundmauern einer frühen Kapelle im Baustil des 13./14. Jahrhunderts zutage. Die Reste einer einstigen Innenausmalung im gotischen Stil konnten auf die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts datiert werden, sodass die Kapelle zwischen 1370 und 1420 entstanden sein mag. Die früheste Erwähnung stammt jedoch erst aus dem Jahre 1496.
1687 wurde an gleicher Stelle eine neue Kirche gebaut. Die Grundmauern der gotischen Kapelle samt Freskomalereien sowie Skelettreste (vor 1948) können nach Voranmeldung besichtigt werden. Eine Grabplatte von Anna Werdmüller, gest. 1706, ist ebenfalls erhalten. Reste der "Rossburg", die 1353 geschleift wurde, konnten nicht gefunden werden; deren Steine wurden vermutlich für den Bau der gotischen Kapelle verwendet. Die Kirche Wetzwil wird 1370 erstmals urkundlich erwähnt, 1750 wurde sie erweitert. Archäologische Untersuchungen belegen zumindest einen romanischen Vorgängerbau. 1930/31 brachten Renovationsarbeiten ein grosses Wandgemälde des 15. Jahrhunderts zutage: eine Schutzmantel-Madonna und die Anbetung der drei Könige. Dieses Fresko ist typisch für die damalige Volksfrömmigkeit, in der die Verehrung der Mutter Gottes eine zentrale Rolle spielte. In der Reformationszeit war das Fresko übertüncht worden.
Die 1997 gemachten Funde aus dem Gelände der Schipf unterhalb der Bahnlinie weisen ebenfalls auf das 14./15. Jahrhundert hin: ein Topf mit einem ungeklärten, eingeritzten Kreis sowie Fragmente von Ofenkacheln. Reste eines alten Gemäuers konnten jedoch nicht als zentrale Teile eines mittelalterlichen "Bürgli zur Schüpfen bi dem See" identifiziert werden, wie es der Chronist Aegidius Tschudi im 16. Jahrhundert vermerkt. Die früheste Erwähnung der "Schüpfi ze Herdiberg" stammt aus dem Jahre 1398.
Ergänzend sei angefügt, dass im Gebäudekomplex Vogtei anlässlich der Restaurierung durch die Architekten Ruth und Edi Lanners im Jahre 1974 älteste Bauteile (Spitzbogenfenster von heutiger Galerie Vogtei zum Gartensaal) aus dem 13. Jahrhundert gefunden wurden. Ähnliche Spitzbogenfenster finden sich im "Höchhus" in Küsnacht. Über der heutigen Galerie kamen Holzkonstruktionen aus dem 16. Jahrhundert zum Vorschein. Die Häuser im Busenhard werden bereits im 14. Jahrhundert urkundlich erwähnt.

Engagement seit 1910

An der gut besuchten GV vom 30. März 2006 wurden auch die neuen Statuten des Verkehrs- und Verschönerungsvereins Herrliberg (VVH) angenommen. Sie ersetzen diejenigen aus dem Jahre 1910. Anschliessend berichteten die VVH-Gruppen über ihre verschiedenen Tätigkeiten des vergangenen Jahres und gaben einen Ausblick.

Kontakte, Dorf und Natur
Die Gruppe Kontakte kümmert sich um die Organisation des 1. August und Tobel-Samichlaus sowie um die Vereinsanlässe. Sie vertritt den VVH beim Neuzuzügeranlass und organisiert zudem die Dezemberausstellung in der Galerie Vogtei "HerrlibergerInnen stellen aus".
Die Gruppe Dorfbild setzt sich ein für Sanierungen und Verbesserungen auf öffentlichem Grund. Anregungen, etwa zu Natur- und Wanderwegen, nimmt auch die Gruppe Natur entgegen, die zudem zweimal jährlich Tobelreinigungen durchführt.
In Planung begriffen ist ein neues Set aktueller Postkarten der Gemeinde Herrliberg.

Ortgeschichte
Das Produkt der Gruppe Kalender ist der längst zum Sammelobjekt gewordene "Herrliberger Kalender", ein mit Unterstützung der Gemeinde in jeden Haushalt verteiltes Jahrheft mit liebevoll recherchierten Beiträgen zum Dorfgeschehen und zur Dorfgeschichte.
Die Gruppe Archiv befasst sich weiterhin mit dem Registrieren von Dokumenten und Objekten aus dem Raum Herrliberg und hat unter dem Thema "oral history" Interviews mit 28 HerrlibergerInnen durchgeführt. In diesem Zusammenhang ist auch ein Videofilm mit einer Life-Aufzeichnung entstanden. 2006 sind weitere Interviews vorgesehen.
Die Archivgruppe zeichnet zudem seit 1998 für die Vitrinen-Ausstellungen in der Zehntenscheune der Vogtei. Nach "Einst und Jetzt", "David Herrliberger" und "Naturnetz Pfannenstiel" ist die gegenwärtige Ausstellung dem Thema "Haushalten vor 80 Jahren" gewidmet.

Weiterhin Mitwirkende gesucht!
Damit die verschiedenen Tätigkeiten des VVH auch in Zukunft angeboten werden können, suchen wir dringend Mitwirkende. Bitte melden Sie sich unter Tel: 044 915 2726 (Antonia Baumann).

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*Antonia Baumann ist Präsidentin des Verkehrs- und Verschönerungsvereins Herrliberg (VVH).