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« zurück zur Übersicht erschienen am 9. Juni 2006 in der Zürichsee-Zeitung

15 Jahre VVH-Archiv: Lebendige Ortsgeschichte

Herrliberg: Seit 15 Jahren führt der VVH ein Archiv.

Die vergleichsweise unspektakuläre Herrliberger Ortsgeschichte wird seit 15 Jahren im Dorfarchiv aufgearbeitet. Es wird durch den VVH betreut. Neben anderen Tätigkeiten ist der VVH eine Plattform für eine breite Palette von ortsgeschichtlichen Angeboten.

Antonia Baumann*

Wer glaubt, dass die Arbeit im VVH-Archiv nach 15 Jahren beendet ist, täuscht sich. Zwar besitzt Herrliberg, im Vergleich zu anderen Seegemeinden, eine vergleichsweise unspektakuläre Ortsgeschichte mit relativ spärlichen Zeitzeugnissen. Trotzdem ist die für Aussenstehende pingelig anmutende Archivarbeit immer noch in vollem Gange und damit ein Dauerbrenner. So finden sich Lotti Lamprecht (seit 1996), Marie-Louise Hess (seit 1995) und Antonia Baumann (seit 1992) jeweils einmal wöchentlich im Archiv ein, um dieses in Schwung zu halten.

Initiant war Edi Lanners
Der Architekt und Künstler Edi Lanners (1929-1996) war überaus reich an schöpferischen Ideen und Tatkraft. So haben die Architekten Ruth und Edi Lanners der Gemeinde Herrliberg mit der Restaurierung der Vogtei (Zehntenscheune und Wohnhaus) ein bleibendes Denkmal gesetzt. Während seiner 30-jährigen Vorstandstätigkeit im Verkehrs- und Verschönerungsverein Herrliberg (VVH) brachte Edi Lanners unzählige Anregungen ein. Die Schaffung der Galerie Vogtei und des Jahrhefts "Herrliberger Kalender", für den er über hundert Beiträge verfasste, sind in hohem Masse sein Verdienst.
Als Initiator der Vitrinen-Ausstellungen (1974) in der Zehntenscheune der Vogtei und in seiner Funktion als Dorfchronist erstaunte es nicht, dass er die Bildung eines Dorfarchivs anregte. Als der Herrliberger Gemeinderat den Dachraum des Wohnhauses Vogtei 1991 zu diesem Zwecke zur Verfügung stellte, musste dieser erst ausgebaut werden, wobei Edi Lanners selber Hand anlegte. Wenige Monate später war es soweit: Norma Dreiding (VVH-Präsidentin 1997 bis 2005) und Edi Lanners spendierten die Inneneinrichtung, und so konnte der Raum mit den verschiedenen Sammlungen als Archiv in Betrieb genommen werden.

Dünnes Geschichtsbewusstsein
Ein weiterer Aspekt gehörte ebenfalls zur Gründungsidee des VVH-Archivs: die Sensibilisierung für die Ortsgeschichte.
Das gegenwärtige Geschichtsbewusstsein umfasst kaum noch historische Entwicklungen einzelner Länder und Kulturen über einen grösseren Zeitraum. Dem Zeitgeist entsprechend sind "Highlights" gefragt, Momentaufnahmen, die zwar detailliert beleuchtet sein können, jedoch oft aus dem grösseren Zusammenhang gerissen sind. Sie bilden so etwas wie historische Inseln und erschweren durch ihr Isoliertsein die Orientierung innerhalb des übergeordneten geschichtlichen Gefüges.
Im westlichen Kulturbereich hat sich eine Bevölkerung herangebildet, die für geschichtliche Zusammenhänge nur noch ein geringes Interesse aufbringt, was der inzwischen weit verbreiteten Geschichtslosigkeit zum Siegeszug verholfen hat. Besonders die Ortsgeschichte leidet unter diesem Defizit, wird sie zudem höchstens auf der Mittelstufe gelehrt und anschliessend meist vergessen.

Identifikation mit Ortsgeschichte
Wer sich mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzt und nicht daran haften bleibt, schafft ideale Voraussetzungen, seinen zukünftigen Weg selber zu wählen. Wer sich mit der Geschichte befasst, weiss um die endlosen Wiederholungen und um die möglichen Erfolgschancen neuer Strömungen. Und wer sich mit der Ortsgeschichte abgibt, erfährt von Hintergründen, die zum Erscheinungsbild der heutigen Wohngemeinde geführt haben. Damit ist der Interessierte mit einem Bewusstsein für Entwicklungen und somit mit einem unerlässlichen Verständnis ausgerüstet, das die Basis für zukünftige Entscheidungen bildet.
Sicher, die Ortsgeschichte ist nur eine Facette des Gesamtbildes einer Gemeinde, und man mag sich mehr oder weniger damit identifizieren. Neue Ideen sind durchaus willkommen und frischen eingefahrene Werte auf. Sie sind jedoch nur dann von Dauer, wenn sie sich innerhalb eines geschichtlichen Bewusstseins abspielen.

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Einblick ins Archiv des Verkehrs- und Verschönerungsvereins Herrliberg (VVH). (Marten Baumann)
Einblick ins Archiv des Verkehrs- und Verschönerungsvereins Herrliberg (VVH). (Marten Baumann)

Ein langer Weg
Wegbereiter des VVH-Archivs waren Rudolf Egli (Primarlehrer in Herrliberg von 1908-1952 und von 1924 bis 1956 Präsident des VVH), dessen ornithologische Führungen der älteren Generation in lebhafter Erinnerung sind, und der Primarlehrer Robert Wegmann (1920-2005), der über 50 Jahre lang den VVH massgeblich prägte. Fotomaterialien und Informationen betreffend die Gemeinde Herrliberg, welche Rudolf Egli zu sammeln begonnen hatte, führte Robert Wegmann weiter, der auch Dorfchronist war. So entstand ein erster Grundstock des VVH-Archivs.
Ein wichtiger Teil der Fotosammlung besteht aus Abzügen von 1500 alten Glasplatten, angefertigt durch Fritz Bopp (1888-1977), der ein hervorragender Fotograf war. Fast täglich war er unterwegs und hielt während Jahrzehnten das Ortsbild mit seinen Weilern und die Menschen bei ihrer täglichen Arbeit in ausdrucksstarken Bildern fest.

Diese Sammlung ermöglichte unter anderem die Entstehung des Buches Bilder der Gemeinde Herrliberg (1981), welches als zweiter Band der Geschichte der Gemeinde Herrliberg (1980) entstand. Im September 2000 widmete die Galerie Vogtei dem Fotografen Bopp eine Einzelausstellung.

Sammeltätigkeit des VVH
Der VVH sammelt seit rund 40 Jahren Zeitzeugnisse aller Art, die aus Herrliberg stammen oder mit der Gemeinde in Zusammenhang stehen. Die Vielfalt von Werkzeugen, Fotos, Postkarten, Dokumenten, Bildern etc. ist heute Bestandteil des Archivs. Unter den Objekten und Werkzeugen finden sich archäologische Fragmente, historische Bauteile, hölzerne Wagenräder, Bettflaschen, alte Schraubzwingen, Mäusefallen, Stalllaternen, Mehlsäcke und vieles andere mehr.
Der Gemeindeschreiber Hans Zogg (1941-1999) hat mit der Schenkung seines 'Familienschatzes' ebenfalls zu dieser Sammlung beigetragen. Seine Frau Regina Zogg vermittelte uns dank ihres profunden Wissens viele alte Benennungen und Anwendungsbereiche.
Die vereinseigene Sammlung des VVH-Archivs wird laufend erweitert. So konnte in letzter Zeit eine Urkunde aus dem Jahre 1792 und ein Bild des Malers Albert Frey, der während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an der Rabengasse wohnte, zugefügt werden.

"Oral history"
Die Gemeinde Herrliberg ist führend in Sachen gemeindebezogener "oral history". Es handelt sich in diesem Rahmen um erlebte und erzählte Ortsgeschichte. Zwischen 2002 und 2005 führte die VVH-Gruppe Archiv rund 30 Einzelinterviews nach einem selber entwickelten Raster durch, die sie schriftlich dokumentierte. Im November 2004 fand zudem eine Video-Aufzeichnung mit 12 Herrlibergerinnen und Herrlibergern statt, die live aus dem Leben von früher erzählten. Das Oral history-Projekt war von der Gemeinde Herrliberg finanziell unterstützt worden.
Das VVH-Archiv kann von den ausführlichen Lebensläufen und den damit verbundenen wertvollen Informationen weiterhin profitieren. Neben den bereits vorhandenen historischen Dokumenten und ortsgeschichtlichen Publikationen bildet gerade die unmittelbar erzählte "oral history" eine unschätzbare Erweiterung des Wissens, wie das Leben und Umfeld in unserer Gemeinde bis vor Kurzem noch war.

Vitrinen anstatt Dorfmuseum
Obwohl das VVH-Archiv gut bestückt ist, genügt der Bestand bei weitem nicht, um ein eigentliches Dorfmuseum aufzubauen. Deswegen werden ortshistorisch relevante Themen in einem kleineren Rahmen dargeboten und zwar, mit finanzieller Unterstützung der Gemeinde Herrliberg, als Wechselausstellungen in den vier Vitrinen der Vogtei.
Die Vitrinen werden seit 1998 von der VVH-Gruppe Archiv unter Mitwirkung des Innenarchitekten Heinz Meyer und des Fotografen Roland Brändli.erarbeitet und eingerichtet, wobei vereinseigene Archivbestände durch Leihgaben erweitert sowie mit Fotografien und erklärenden Texten ergänzt werden.
Die gegenwärtige Ausstellung ist dem Thema "Haushalten vor 80 Jahren" gewidmet. Sie lädt Jung und Alt dazu ein, die Phantasie anzuregen, zu rätseln, sich an längst vergessene Tätigkeiten der Eltern und Grosseltern zu erinnern oder eigene, frühe Erlebnisse wieder aufzufrischen.
Die Vogtei Herrliberg ist jeweils anlässlich öffentlicher oder privater Veranstaltungen geöffnet, wobei dann die Vitrinen frei zugänglich sind.

Ortsgeschichtliche Angebote des VVH

Der VVH zeichnet für die Vitrinen-Ausstellungen seit 1974, wobei seit 1998 die VVH-Gruppe Archiv dafür verantwortlich ist. Gegenwärtig ist die Ausstellung "Haushalten vor 80 Jahren" zu sehen.
Seit 1977 gibt der VVH zusammen mit der Gemeinde das Jahrheft "Herrliberger Kalender" mit ortsgeschichtlichem Inhalt heraus, das jeweils anfangs Jahr an alle Haushaltungen verteilt wird. Mit Liebe und sachkundigem Verständnis recherchiert und redigiert, stossen die Beiträge über die Gemeindegrenze hinaus auf grosses Interesse. Das Jahrheft ist über die Gemeindegrenze hinaus längst zum beliebten Sammelobjekt geworden.
Eine grundlegend aufgearbeitete Ortsgeschichte ist in den beiden Bänden "Geschichte der Gemeinde Herrliberg" (1980) und "Bilder der Gemeinde Herrliberg" (1981) nachzulesen. Bereits in den 1930er Jahren stellte der VVH eine Chronikkommission zusammen, dessen Recherchen und Inputs schlussendlich in den beiden Bänden einflossen, wobei der VVH auch Texte verfasste und redaktionelle Arbeit leistete. Die beiden Bände bilden eine umfassende und ausführliche Darstellung der Herrliberger Geschichte, die auch zukünftig ihre Gültigkeit behält.
Die Ortsgeschichte wird seit 1991 im VVH-Archiv aufgearbeitet, eine Stätte für Herrliberger Zeitzeugnisse, die auch "oral history" einschliesst. Das Archiv ist nur nach Voranmeldung zugänglich.
Die VVH-Gruppe Archiv setzt seit 1996 mittels regelmässig erscheinenden Zeitungsberichten spezifische lokalhistorische Schwerpunkte.
Das 2003 im Eigenverlag der Gemeinde Herrliberg erschienene Büchlein "Herrliberg auf alten Ansichtskarten" wurde von der VVH-Gruppe Archiv mit prägnanten Texten versehen, welche die Vergangenheit mit der Gegenwart verbinden.

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*Antonia Baumann ist Präsidentin des Verkehrs- und Verschönerungsvereins Herrliberg (VVH).